17.03.2015
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Forstamt bestätigt: Wölfe streifen bereits durch hessische Rhön
Fulda/Rhön
Nachdem die Polizei Anfang März einen toten Wolf in Bad Soden-Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) entdeckt hatte, hat das Forstamt Hofbieber auf Nachfrage unserer Zeitung nun bestätigt, dass immer wieder auch Wölfe durch den Landkreis Fulda streifen. Im Fuldaer Stadtgebiet hat es mit großer Wahrscheinlichkeit 2014 auch schon einen Wolfsriss gegeben.

Der tote Wolf, der vor wenigen Tagen auf der Autobahn bei Bad Soden-Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) gefunden wurde, war nach Angaben des Wiesbadener Umweltministeriums der Dritte, der seit dem Jahr 2000 in Hessen entdeckt wurde.

Nach Einschätzung des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) ist es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Wölfe von Osten einwandern. Hessen müsse damit rechnen, dass künftig dauerhaft Wölfe hier lebten, erklärte etwa der hessische Nabu-Landesvorsitzende Gerhard Eppler. Viel interessanter jedoch für Osthessen: Gibt es bereits Wölfe in der Rhön?

Auf Nachfrage unserer Zeitung beim Forstamt Hofbieber heißt es: Sichtungen von Wölfen, die auf der Suche nach einem neuen geeigneten Revier durch die Rhön ziehen, gibt es seit einigen Jahren immer wieder. „Meistens sind das ein- bis zweijährige junge Männchen, die von ihrem Rudel weggedrückt worden sind und weite Wanderungen unternehmen”, erklärt Forstamtsleiter Adalbert Fischer. “So ein Wolf kann am Tag bis zu 30 Kilometer wandern.”

Truppenübungsplatz in Unterfranken geeigneter Lebensraum?

Für die dauerhafte Ansiedlung eines Wolfsrudels sei die Rhön aber nicht unbedingt attraktiv, fügt der stellvertretende Forstamtsleiter Bernd Mordziol-Stelzer an: „Es gibt bei uns zu wenig Rückzugsmöglichkeiten für Wölfe. Es wird kein Rhöner Rudel geben. Dafür ist das Einzugsgebiet, das ein Wolfsrudel benötigt, einfach zu groß.”

Ein geeignetes Gebiet sei aber vielleicht der Truppenübungsplatz Wildflecken in der Hohen Rhön, wo es ebenfalls schon einige Sichtungen gab. Mordziol-Stelzer: „So ein Wolfsrudel wird dann immer mal wieder Ausflüge in die hessische Rhön und nach Fulda machen.”

Und das tun Wölfe auch schon in der Gegenwart. So sei das nun in Bad Soden-Salmünster überfahrene Tier – unüblicherweise ein junges Weibchen – wahrscheinlich wenige Tage zuvor auch in der Rhön gesichtet worden. Entsprechende Meldungen habe es zum Beispiel seit dem 17. Februar einige Male in der Gegend um Tann (Landkreis Fulda) gegeben, sagt Forstamtsleiter Fischer. Vor einem halben Jahr sei auch in Neuhof-Rommerz ein Tier gesehen worden. Ende September habe ein Wolf sogar schon einmal im Gebiet des Fuldaer Stadtteils Kämmerzell ein Reh gerissen, sagt Fischers Stellvertreter.

“Der Wolf spazierte seelenruhig über die Straße”

Auch Zivilisten berichteten bereits von Wolfssichtungen. Janine Kant hat nach eigenen Angaben zu Folge bereits einen Wolf im Landkreis Fulda gesehen. Das war im Frühsommer 2009 zwischen Dietershausen und Weyhers. “Ich war morgens gegen 5.30 Uhr auf dem Weg zum Frühdienst nach Fulda”, erinnert sich die heute 44-Jährige, “als ein nicht ausgewachsener, grauer Wolf seelenruhig über die Straße spazierte. Ich bin mir 100-prozentig sicher, dass es ein Wolf war. Mein damals 16-jähriger Sohn begeisterte sich damals gerade ziemlich für Wölfe.”

„Das Märchen vom bösen Wolf ist ein Märchen”, sagen unterdessen die beiden Forstamts-Mitarbeiter unsisono. Dass es bereits Wölfe in Hessen gebe, werde unter anderem nicht weiter öffentlich diskutiert, weil die Touristiker Angst haben – genau wie die Schäfer, die um ihre Tiere bangen. Dabei sei eine dauerhafte Ansiedlung eines Wolfsrudels in der Rhön kein Problem, führen Fischer und Mordziol-Stelzer aus.

„Die Schäden an Nutztieren könnten, wie zum Beispiel in Frankreich üblich, aus einem speziellen Fond ersetzt werden. Ferner gibt es weitaus mehr Risse durch Hunde”, sagt Mordziol-Stelzer. Zudem gebe es durch die dauerhafte Ansiedlung von Wölfen den Vorteil, dass die Raubtiere schwache Wildtiere wegfangen könnten.

“Leuten den Horror vor dem Wolf nehmen”

Der stellvertretende Hofbieberer Forstamtsleiter beobachtet einen “schizophrenen Umgang” der Öffentlichkeit mit dem Wolf. „Die Leute spenden für Tiger in Bangladesch, aber wenn bei uns ein Wolf gesichtet wird, heißt es gleich: Abschießen!” In fast ganz Spanien, in weiten Teilen Italiens und in Südfrankreich würden Wölfe leben. „In Rom durchsuchen die Tiere in den Straßen den Müll nach Nahrung. Wir machen dort doch auch Urlaub. Noch ist niemand von einem Wolf aufgefressen worden. Man muss den Leuten den Horror vor dem Wolf nehmen.”

Nach Angaben des Senckenberg-Forschungsinstituts für Naturschutzgenetik in Gelnhausen, die den toten Wolf aus Bad Soden-Salmünster einer DNA-Untersuchung unterzogen hat, stammt das Tier wahrscheinlich aus Deutschland oder Polen. Eine Art genetischer Fingerabdruck des Wolfes soll in den nächsten Tagen Gewissheit bringen. Das Tier sei bei dem Unfall sehr stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Überreste lägen in der Tiefkühltruhe des Forschungsinstituts.

“Ich schätze, dass dieser überfahrene Wolf aus Sachsen-Anhalt stammt”, meint Mordziol-Stelzer. Nach Angaben des Experten leben derzeit nach Schätzungen etwa 200 bis 300 Wölfe in Deutschland – 70 bis 100 Tiere sind davon erwachsen. Beachtet werden müsse dabei, dass bis zu 80 Prozent der Jungtiere nicht älter als zwei Jahre werden.

Der Vize-Forstamtsleiter ist sich dennoch sicher, dass sich Wölfe auch in Osthessen dauerhaft ansiedeln werden. “In Sachsen-Anhalt hat das nach dem ersten Sichtungen 25 Jahre gedauert. So lange wird das bei uns nicht dauern.”

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