2008 folgte Das Spiel des Engels, der ebenfalls sehr erfolgreiche zweite Band seiner Barcelona-Tetralogie. Vorige Woche brachte der S. Fischer Verlag mit Der Gefangene des Himmels den dritten Teil in einer Startauflage von 500 000 Exemplaren in die Buchhandlungen. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit Ruiz Zafn ber seine Bcher, die Wirtschaftskrise in Spanien und das Unabhngigkeitsstreben seiner Heimatregion Katalonien.
Willkommen in Berlin, Seor Ruiz Zafn, die bisherigen zwei Bnde Ihrer Barcelona-Tetralogie waren in Deutschland ja echte Renner. Wie erklren Sie sich Ihren Erfolg?
Ruiz Zafn: Schwer zu sagen. Aber ich glaube, dass die deutschen Leser in meinen Bchern genau das finden, was ich mit diesen vermitteln mchte. Es sind Bcher die ein bisschen versuchen, zur Freude am Lesen einzuladen, zur Freude an der Literatur, und ich glaube, dass es in Deutschland gengend gute Leser gibt, die all dies lieben, die die Literatur und den Roman genieen.
Auch in Ihrem neuen Roman fhren sie uns wieder ins alte Barcelona und zu dem geheimnisvollen Friedhof der vergessenen Bcher. Was hat es mit dem auf sich?
Ruiz Zafn: Nun, fr mich ist der "Friedhof der vergessenen Bcher" eine Metapher - eine Metapher fr viele Dinge, nicht nur fr vergessene Bcher, sondern fr vergessene Ideen, fr die Identitt, fr das historische Gedchtnis. Ich glaube, dass der "Friedhof der vergessenen Bcher" auf gewisse Weise ein Symbol ist fr all die Dinge, die unsere Identitt, unser Gedchtnis definieren und das, was uns zum Menschen macht.
Der Friedhof der vergessenen Bcher erscheint bei Ihnen als ein Heiligtum. Aber jetzt mal ehrlich: Gibt es nicht auch Bcher, die es verdient haben, vergessen zu werden, weil sie einfach schlecht sind?
Ruiz Zafn: Das mag sein, aber am Ende entscheiden das die Leser. Ich mag mich nicht zum Henker der Bcher aufschwingen. Auch wenn es gute und schlechte Bcher gibt, so glaube ich doch, dass es gut ist, vor allen Bchern Respekt zu haben. Selbst im schlechtesten Buch steckt eine Menge Arbeit von jemandem, der versucht hat, sein Bestes zu geben.
In Der Gefangene des Himmels fhren Sie uns in die finsteren Zeiten des Franco-Regimes, in die Hlle der Festung Montjuic, wo politische Gefangene zu Tode geqult wurden. Wie stark wirkt das Trauma der Diktatur in Spanien noch nach?
Ruiz Zafn: Ich denke, dass es fr jedes Land schwer ist, eine Tragdie vom Ausma des Spanischen Brgerkrieges zu bewltigen, ich glaube, das ist fr deutsche Leser leicht zu verstehen. In Spanien blieben viele offene Wunden der Vergangenheit, weil es nach dem Brgerkrieg keinen Frieden gab, sondern ein Diktatur, die viele Jahre dauerte. In den Jahren des bergangs zur Demokratie gab es dann fast einen Schweigepakt, dass man die Vergangenheit nicht aufrhren wollte, denn die, die damals die Geschicke lenkten, verstanden, dass dies das Klgste war, um das Land nicht neu in Brand zu setzen. Die Risse in der spanischen Gesellschaft sind immer noch da, wenn auch nicht mehr so extrem wie in den 30er Jahren.
Es bleibt also bei der Vergangenheitsbewltigung noch viel zu tun?
Ruiz Zafn: Ich glaube, man kommt Schritt fr Schritt voran, aber man kann es niemals allen recht machen. Die heutige spanische Gesellschaft hat sich jedoch schon sehr gewandelt, und ich glaube, dass vielleicht in einer oder in zwei Generationen der Spanische Brgerkrieg und der Frankismus ihren Platz in der Geschichte gefunden haben werden und man das Thema mit mehr Gelassenheit und Klarheit angehen kann. Das hoffe ich. Aber man wei es nie.
Kommen wir zum heutigen Spanien. Wegen der Euro-Schuldenkrise sollen die staatlichen Subventionen fr die Kultur um mehr als 30 Prozent gekrzt werden, viele frchten einen radikalen Kahlschlag. Ist das Kulturleben in Spanien in Gefahr?
Ruiz Zafn: Die Subventionen fr die Kultur, nun, ich glaube nicht, dass das gegenwrtig das Hauptproblem in Spanien ist. Ich mache mir mehr Sorgen um die groe Arbeitslosigkeit, die sozialen Einschnitte im Gesundheits- und Bildungswesen und dass eine ganze Generation junger Leute heranwchst, die keine Zukunft hat, keine Perspektive. Das Problem mit den Subventionen fr die Kultur ist auch, dass das auf dem Papier erst mal gut klingt aber dass sie in Wirklichkeit ein Nest der Korruption, der Vetternwirtschaft und des Missbrauchs sind. Es ist nicht gut, dass die Kultur von der Politik abhngig ist, dass die Politik die Kultur bezahlt. Die Kultur muss sich alleine aufrappeln, sonst ist sie keine echte Kultur, glaube ich.
Seor Ruiz Zafn, Sie sind Katalane. Jetzt, in der Krise, strebt Ihre Heimatregion Katalonien strker denn ja nach Unabhngigkeit von Spanien. Die Regionalregierung in Barcelona plant ein Referendum, die Zentralregierung in Madrid will es auf jeden Fall verhindern.
Ruiz Zafn: Ich glaube, es muss ein Referendum geben, weil wir sonst nicht wissen, was das Volk wirklich will. Derzeit gibt es viele interessierte Stimmen, die vorgeben, im Namen des Volkes zu sprechen, die sagen "Die Leute wollen dies", "Die Leute wollen jenes", aber das sollen die Menschen doch selber sagen. Der Prozess der Unabhngigkeitsbewegung ist an einem Punkt angekommen, wo wir wissen mssen, was die Bevlkerung Kataloniens, immerhin sieben Millionen Menschen, wirklich will.
Und wie wrden Sie bei einem Referendum ber die Unabhngigkeit Kataloniens abstimmen?
Ruiz Zafn: Ich wei es nicht. Denn ich habe viele Zweifel und stelle mir viele Fragen, was besser wre fr Katalonien und das Volk von Katalonien. Ich sehe, dass viele Katalanen von der Idee der Unabhngigkeit begeistert sind, und ich verstehe dieses Gefhl, aber andererseits beunruhigt es mich, dass sie nicht an die praktischen und unmittelbaren Auswirkungen denken. Msste Katalonien aus der Europischen Union austreten? Aus dem Euro? Was passiert mit den hiesigen Unternehmen? Mssten die anfangen, Zlle zu zahlen? Keiner wei es. Ich glaube, dass man in Spanien und in Katalonien nicht klar darber spricht, wie so ein Prozess wirklich ablaufen wrde.
Zurck zur Kunst. Viele Ihrer Leser fragen, ob Ihre Romane auch verfilmt werden. Immerhin haben Sie ja frher auch als Drehbuchautor gearbeitet. Werden wir den Schatten des Windes mal auf der Leinwand sehen?
Ruiz Zafn: Nicht die Romane aus dem Quartett des "Friedhofs der vergessenen Bcher". Fr mich sind das Bcher ber Bcher, Bcher ber die Literatur, die Schrift, das Lesen, ber die Welt der Sprache, des geschriebenen Wortes, und da habe ich schon vor langer Zeit entschieden, daraus weder einen Film noch eine Fernsehserie zu machen. Nicht dass ich etwas gegen das Medium htte, ich kenne diese Welt, ich war, um das mal so zu sagen, in der Kche drin und wei, wie man die Gerichte zubereitet. Aber ich mchte dieses Material dafr nicht benutzen, und irgendwie strt mich auch die Vorstellung, dass alles verfilmt werden muss. Warum kann ein Buch nicht einfach ein Buch sein?