Dumm, kriminell, drogensüchtig: Satire-Seite setzt Tätowierte mit Verbrechern und Junkies gleich

06. Juli 2015
BERLIN

Ist das Humor oder Diskriminierung? Auf Facebook schießt eine Satire-Seite gegen Tätowierte. Diese seien dumm, kriminell und drogenabhängig heißt es da – natürlich nur zum Spaß. Ähnliche Seiten gibt es zu den Themen Hunde und Kinder. Gehen die Betreiber mit ihren Scherzen zu weit?

Es ist ein relativ neuer Trend, der sich auf Facebook breit macht. Mehrere Seiten hetzen gegen Kinder, Hunde oder Tätowierte – allerdings nur zum Spaß. Dass es sich dabei um Satire handeln soll, ist nicht für jeden gleich ersichtlich. Zudem überschreiten die Betreiber der Seiten mit ihrem Humor teils die Grenze zur Beleidigung.

Besonders beliebt ist zurzeit die Seite „Tattoofrei – Es ist schön, keine Tattoos zu haben“. Knapp 94.000 Facebook-Nutzer zählen sich zu ihren „Fans“, mehr als 1000 folgen dem Twitter-Auftritt.

Menschen zweiter Klasse

Der Betreiber von „Tattoofrei“, Chris H. aus Berlin, kriminalisiert Tätowierte spaßeshalber und wertet sie im Vergleich zu den „Reinhäutern“ zu Menschen zweiter Klasse ab. Dabei ist er laut einem Interview mit dem Magazin Vice selbst tätowiert. Dass er nur scherzt, darf man ihm wohl glauben.

Wer das nicht weiß, könnte sich jedoch fragen: Woher dieser Hass auf Tätowierte? In den Posts von Chris H., meistens Fotos, geht es heckenhoch her. So steige die kriminelle Energie bereits ab dem ersten Tattoo und ab dem dritten sogar exponentiell. Zudem würden Tätowierte Drogen nehmen, noch als Teenager in der zweiten Klasse sitzen und ihr Geld lieber für neue Tattoos statt für die Ernährung ihrer Kinder ausgeben. Kriminell und asozial also.

„Fanpost“ veröffentlicht

Dass einige die Satire hinter den teils plumpen Posts nicht verstehen, wundert nicht. Manche schreiben H. empört an – er nennt das Fanpost und veröffentlicht Screenshots der Nachrichten. „Was hat ein Tattoo mit Kriminalität und asozial zu tun?“, steht in einer „Fanpost“. Und weiter: „Eure Seite gehört gelöscht. Was ihr macht, ist beleidigend und diskriminierend.“

Chris H. genügt es nicht, sich auf eine Gruppe einzuschießen und Witze über sie zu machen. Wer ihm verärgert eine Nachricht schickt, geht das Risiko ein, bloßgestellt zu werden.

Daneben sammelt „Tattoofrei“ auf Facebook Stimmen: Zum Beispiel gegen die Diskriminierung von „Reinhäutern“ oder für ein Tattoo-Verbot.

Die Satire-Seite steht mit ihrem eigenartigen Humor nicht alleine. „Hunde raus aus Deutschland“ und „Kinder raus aus Deutschland“ sind weitere Beispiele für Scherzkekse, die sich auf Facebook auf Kosten anderer lustig machen.

„Nein zu dir – Ja zu Bier“

So posteten die vermeintlichen Hundehasser vor wenigen Tagen ein Bild im Stil eines NPD-Wahlplakats. Die Aufschrift: „Das Boot ist voll! Schluss mit der Überhundung.“ Auf einem anderen steht „Hunde vergiften“ und deutlich kleiner links unten „unsere Brunnen“. Und die vorgeblichen Kinderhasser sagen „Ja zu Bier“ und „Nein zu dir“ – letzteres steht über einem durchkreuzten Kindergesicht.

Diese beiden Satire-Seiten sind vielleicht nicht ganz so derb wie „Tattoofrei“, sie funktionieren jedoch nach dem gleichen Muster. Ist die Opfer-Gruppe definiert – Kinder, Tätowierte, Hunde(-Halter) – wird einseitig auf sie eingedroschen. Besonders geistreich ist dieser Humor häufig nicht – wobei das wohl Geschmacksache ist. / sps