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8. März 2011



Jugendliche Narren trinken sich bewusstlos

Fulda
Wohl eher scherzhaft gemeint kündigte ein User auf unsere Kostüm-Umfrage hin an, dass er am Rosenmontag als "Badewanne" gehe und sich vollaufen lasse. Viele Narren wählten diese "Kostümierung" dann tatsächlich und beschäftigten den Rettungsdienst.

„Jetzt geht es los“, sagt ein Sanitäter, als er am Rosenmontag in die Sanitätsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Museumshof eilt. Er meint nicht den Startschuss des Umzugs um 13:33 Uhr, sondern die heiße Phase für den Rettungsdienst, die um 17 Uhr mit etlichen Schnapsleichen erst so richtig beginnt.
 
„Alles gut?“, fragt ein DRK-Helfer einen 17-Jährigen, der mit dem Hinweis „So blass wie er ist, ist er nicht geschminkt“ in den Raum im Museumshof auf einer Trage gebracht wird. Der schlanke Jugendliche mit mittellangen Haaren schüttelt den Kopf. „Was ist passiert?“ „Ich habe zu viel getrunken.“ „Wie viel?“ „Keine Ahnung“, antwortet der 17-Jährige und bittet die Sanitäter, ihn auf eine Liege zu heben. Allein könne er das nicht mehr. „Tragt mich lieber.“
 
Einer von vielen Einsätzen, die auf die 45 beim Rosenmontagsumzug eingesetzten ehrenamtlichen DRK-Helfer zukommt – darunter 1 Notarzt, 12 Rettungsassistenten, 7 Rettungssanitäter und 25 Sanitätshelfer. Verteilt in der Innenstadt hat das DRK 1 Notarzteinsatzfahrzeug, 3 Rettungswagen und 12 Mehrzweckfahrzeuge stationiert. „Ganz früher sind wir mit dem Zug mitgelaufen“, erklärt Harald Heun. „Das hat sich aber als unpraktisch erwiesen“, so der Zugführer der Schnellen Einsatzgruppe (SEG).

„Schlimm, wenn sich 14- und 15-Jährige ins Koma saufen“
 
Alle Einsätze arbeitet die „Sanitäts-Einsatzleitung-RoMo“ des DRK Fulda in Absprache mit der Rettungsleistelle der Feuerwehr ab. Die im Museumshof in einem umgebauten Rettungswagen untergebrachte Einsatzleitung koordiniert die Einsätze der einzelnen Sanitäts-Trupps und lotst die Rettungswagen an die Unfallorte.
 
„Alkoholintox am Buttermarkt.“ Christian Erwin und Michael Michalowicz nehmen für die Einsatzleitung an fünf Funkgeräten Funksprüche entgegen und dokumentieren am Laptop quasi jede Information, die sie bezüglich der Alarmierungen erhalten. Bereits um 14:18 Uhr wird die erste Schlägerei über Funk gemeldet: Nasenbeinfraktur und Platzwunde am Kopf. Erwin und Michalowicz schicken einen Rettungswagen in die Bahnhofstraße.
 
Harald Heun hatte sich schon zu Dienstbeginn um 13 Uhr auf „extrem viele Besoffene“ eingestellt. Der DRK-Zugführer ist über die Gewaltbereitschaft vieler Narren schockiert. „Im vergangenen Jahr sind unsere Leute sogar in Schlägereien verwickelt worden“, berichtet Heun. Vor allem die noch nicht volljährigen Jugendlichen würden negativ auffallen. „Schlimm, wenn sich 14- und 15-Jährige ins Koma saufen“, sagt Sanitätshelfer Jörg Fiedler.
 
14:41 Uhr – bewusstlose Person auf dem Bahnhofsvorplatz. 14:42 Uhr – betrunkene Person vor einer Bäckerei im Bahnhof. 14:58 Uhr – hilflose Person am Buttermarkt. 15:00 Uhr – Verdacht auf Beinfraktur in der Bahnhofstraße. „Bis zum Abend werden wir wohl mindestens 200 Tagebucheinträge über unsere Einsätze dokumentiert haben“, schätzt Christian Erwin.
 
Alkohol aus umgehängten Babyfläschchen
 
Durch die Funkgeräte dringen krächzend Karnevalsschlager und Gebrüll mit in die Einsatzleitstelle. Die Sanitäter vor Ort brüllen am anderen Ende in die Leitungen, häufig sind sie trotzdem kaum zu verstehen. Um 15:41 Uhr fällt der Strom in der Einsatzleitstelle aus. Eine Sicherung im Museumsgebäude ist wohl rausgeflogen. Erwin schaltet mit Kollegen das Notstromaggregat ein – und schiebt Minuten später wieder rote, nummerierte Magnetklötzchen auf einer Innenstadt-Karte hin und her, die jeweils für die verfügbaren DRK-Trupps stehen.
 
„Viele schauen sich den Zug gar nicht an“, sagt Harald Heun. „Wenn die Getränke in den Flaschen eine andere Farbe haben als ursprünglich, weiß man schon Bescheid.“ Viele Narren süffeln Alkohol aus umgehängten Babyfläschchen. Andere tragen dutzende an einer Schnur aufgereihte Schnapsfläschchen um den Hals. Ein Jugendlicher leert eine solche Pulle und knallt sie mit voller Wucht auf den Boden. Ein Ritual? Die Glasscherben fliegen anderen Zuschauern entgegen. Statt roten Clownsnasen tragen viele Schnapsflaschendeckelchen auf der Nase. „Dass sich so viele abschießen“, sagt eine Mutter, während sie kopfschüttelnd ihre kleinen Kinder nach dem Umzug auf der Rückbank ihres Autos verstaut.
 
Während ihr fast bewusstlos getrunkener Kumpel in der Sanitätsstation auf einer mit Papier ausgelegten Liege liegt und sofort einen etwa 30 Zentimeter langen, weißen Plastikkotzbeutel gereicht bekommen hat, posaunen seine nicht nüchternen Begleiter vor der Tür Details über den Betrunken hinaus: Alter, Name, Schule. Ein Jugendlicher aus der Gruppe entfernt sich mit dem Statement: „Krank. Die vertragen heutzutage auch nichts mehr.“
 
Um 19 Uhr am Rosenmontag blickt das DRK Fulda auf 59 Einsätze mit kleineren Schnittverletzungen, Frakturen, Alkoholvergiftungen und bewusstlosen Personen zurück. 11 mal wurde der Rettungswagen gerufen, der Notarzt war 7 mal im Einsatz „Ich bin noch nie ein Karnevalsfan gewesen“, sagt Zugleiter Harald Heun. Schalalala-Gesänge dringen durch die geschlossenen Fenster in den Raum. „Und das sind auch die meisten anderen unserer Sanitäter nicht.“
 
Von unserem Redaktionsmitglied
Sebastian A. Reichert



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