"Italienische Reise" mit Heiner Lauterbach: Gute Texte und entbehrliche Bilder

01. November 2013
fulda

Die Enttäuschung ist deshalb so groß, weil die hohen Erwartungen und Versprechungen nicht eingelöst werden. Die "Italienische Reise" mit Heiner Lauterbach entwickelte sich zu einem eher kargen Kulturtrip, den der gestörte Dreiklang von Text, Musik und Bild arg beeinträchtigte.

Der Rezitationsabend am Donnerstagabend im ausverkauften Fuldaer Schlosstheater steht von Anfang an unter einem unguten Stern: Lauterbach eröffnet die Lesung mit der Hiobsbotschaft, dass sich der "wunderbare Tenor" Pablo Macias beim Schmusen mit seiner vierjährigen Tochter eine Infektion eingefangen habe, die sich auf die Stimmbänder gelegt habe. Was sofort deutlich zu hören ist, als sich der Unglücklich-Tapfere mit der Kanzone des Herzogs aus Verdis "Rigoletto" plagt. Also wird nichts aus dem hohen C, das er laut Lauterbach wohl nicht treffen werde. Was Macias aber auch bei bester Verfassung versagt geblieben wäre, denn "nur" ein hohes H krönt diese Bravourarie.

Noch vor der Pause gibt der Tenor, der eigentlich über eine klangschöne Stimme gebietet, auf und bringt damit den Abend aus der Balance, weil alle wunderbaren Kanzonen entfallen, welche die emotionale Atmosphäre der "Reise" wesentlich mitprägen. Hohes Lob verdienen seine vorzüglichen Kollegen, der Gitarrist Chino Augusto Aguilar und der Mandolinist Raffaele Quarta, zwei Vollblutmusiker.

Mindestens ebenso stark wie am Ausfall des Tenors krankt der literarisch-musikalische Abend, als "audiovisuelles Gesamtkunstwerk" beworben, an den Bildimpressionen auf einer Großleinwand. Da die Einspielungen von Städten und Landschaften keine Beziehung zu den Texten haben, die eigentlich illustriert und kommentiert werden müssten, geraten die Filmchen zum Störfaktor; auch die drei Plastikflaschen auf der Bühne. Oft konterkarieren Bildsequenzen die Literatur. Was Langhornochsen und weidende Schafe mit neapolitanischer Liebesglut zu tun haben, mag ergründen, wer will. Also scheitert das Vorhaben, bei der Kunstform des "Hörensehens", Musik in Bilder zu kleiden.

Beim literarischen Ausflug kommen unter anderen zu Wort: Goethe ("Italienische Reise"), Heine ("Reise nach Italien"), Umberto Eco mit seinem Nebel in Alessandria, Tiziano Scarpa mit dem entzückenden "Venedig ist ein Fisch", Giuseppe Marotta mit seinem Hymnus auf "Spaghetti" mit Öl und Knoblauch als Inbegriff italienischer Lebensart und der berühmte Luciano De Crescenzo mit seinem "Abendessen", bei dem ein "Gitarrist" um Geld dafür bittet, dass er nicht musiziert. Von De Crescenzo stammt wohl auch das "Vorspielen" eines markierenden Geigers vor einem stocktauben Dirigenten. Beate Giacovelli beschreibt amüsant den Mammismo, also die unzertrennliche Beziehung zwischen der italienischen Mutter und ihrem Sohn.

Schade, dass derart begnadete Autoren mit Italo Calvino oder Luigi Malerba ignoriert werden. Dafür beschließt Elke Heidenreichs sentimental-schlichte Weihnachtsgeschichte vom Plüschschwein "Erika" den Abend. Ein krasser Niveauabfall nach dem wunderbaren De Crescenzo. Und ein misslungener Ausklang einer "Italienischen Reise" , die den Wunsch nach mehr Musik und Literatur aus dem Land, wo die Zitronen blühen, kaum beflügelt hat.

Obwohl sich Heiner Lauterbach als kultiviert-sensibler, charmant-souveräner, ironisch-heiterer Rezitator noch weit mehr Applaus verdient hat. Das Versprechen, das er zuvor im Gespräch mit unserer Zeitung gab, hält er. Seine Texte animieren zum "Schmunzeln, Lachen und Nachdenken". Wenngleich dem Tenor das Lachen schon lange vergangen ist, verabschiedet er sich mit seinen Musikerkollegen während des starken, aber kurzen Schlussbeifalls.