Neubaustrecke Fulda–Frankfurt frühestens 2034 fertig
(Update: Noch mehr Informationsmaterial)

15. Mai 2014
    Cargando reproductor ...
Gelnhausen

Der hessisches Verkehrsminister Tarek Al-Wazir verspricht sich durch die direktdemokratischen Elemente im Entscheidungsprozess wie etwa Bürgerwerkstätten bessere Ergebnisse und eine kürzere Realisierungsphase, weil die Akzeptanz auch für unliebsame Entscheidungen gesteigert werde. Dies führe auch zu weniger Klagen, die den Baubeginn verzögern könnten. Dies sagte Al-Wazir am Dienstagabend bei einer Infoveranstaltung im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen vor mehr als 250 Zuhörern. Darunter befanden sich viele Bürger, Bürgerinitiativen, Bundes- und Landtagspolitiker, Bürgermeister und Vertreter von Wirtschaftsverbänden. Aus dem Landkreis Fulda waren anwesend Stefan Schunck (IHK), Bürgermeister Dieter Kolb (Eichenzell), Günter Strelitz (SPD-Kreistagsfraktion), die Bundestagsabgeordnete Birgit Kömpel (SPD), der Landtagsabgeordnete Markus Meysner (CDU) und viele andere. Auch Bürgermeister Falko Fritzsch (Schlüchtern) und Vertreter andere Kommunen aus dem Kinzigtal und dem Landkreis Fulda waren gekommen und zeigten damit, wie wichtig diese Bahnstrecke für die Anbindung Osthessens ist. Auf der völlig überlasteten Strecke verkehren pro Tag 550 Züge – also alle zweieinhalb Minuten einer.

HIER
finden Sie die Folien, die die Bahn bei der Veranstaltung präsentierte.

Minister Al-Wazir versprach ein "neues Konzept der Bürgerbeteiligung", Er erklärte, dass die Öffentlichkeit bereits vor der Vorplanungs- und der Raumordnungsphase eingebunden werde – so früh wie nie. Damit vermeide man es, dass die Bürger mit einer "verfestigten Planung" konfrontiert würden, in die bereits viel Arbeit investiert worden sei. Die Planer sei deshalb in der Vergangenheit nur in der Lage gewesen, ihre Pläne zu verteidigen, während die Bürger sich daran die Zähne ausbissen. Der Minister erhofft sich auch, dass nun der geballte Sachverstand vor Ort genutzt werden kann. Jede Stimme habe nun die Chance, gehört und berücksichtigt zu werden. Er zeigte sich überzeugt: "Von diesem Beispiel werden andere in der Republik lernen".

Die Verbindung sind eigentlich zwei Projekte: Zwischen Hanau und Gelnhausen steht schon fest, dass der viergleisige Ausbau entlang des bereits vorhandenen Schienenstrangs ausgebaut werden kann. Trotzdem werden wohl noch zehn Jahre ins Land gehen, bis gebaut werden kann, sagte eine Vertreterin der Bahn. Völlig unklar ist hingegen, wo hinter Gelnhausen die Reise hergeht. Dort wurde ein Suchraum abgesteckt, der sich von der Kinzigtalbahn im Westen über das Kinzigtal bis hin zur ICE-Strecke Fulda-Würzburg erstreckt. In diesem Korridor soll die geeignetste Trasse gefunden werden. Die Entscheidung sei "völlig ergebnisoffen", sicherte der Minister zu, der damit die Bürgerinitiativen und Umweltverbände zu beruhigen versuchte.

Marlene Kißler, die bei der Bahn die Projektleitung für das Vorhaben innehat, bestätigte auf eine Nachfrage aus dem Publikum, dass das Kinzigtal in der Tat sehr schmal sei und es schwierig werde, hier noch zwei weitere Gleise unterzubringen. Aber sie wies daraufhin, dass die zusätzlichen Schienenstränge ja nicht unmittelbar neben dem Bestandsgleisen, sondern auch entfernt davon verlaufen könnten – da, wo sich eben die besten Voraussetzungen fänden.

Die ersten Treffen zur Bürgerbeteiligung sollen noch vor der Sommerpause stattfinden.

Update Mittwoch, Reaktionen: In einer ersten Reaktion erklärte Stefan Schunck, Geschäftsführer der IHK Fulda, er werte es als positiv, dass der Minister der Trasse "ganz klar eine hohe Priorität" eingeräumt habe. Er freue sich, dass offenbar sehr solide und gründlich geplant werden solle. Erschreckend wirkte auf ihn der Zeithorizont bis mindestens 2034. Dies merkte auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Birgit Kömpel an.

Eichenzells Bürgermeister Dieter Kolb äußerte seine Zweifel, ob die umfassende Bürgerbeteiligung tatsächlich das Verfahren beschleunige. "Wenn jemandem das Ergebnis nicht passt, wird er am Ende des ganzen Abstimmungs- und Diskussionsprozess trotzdem klagen", sagte Kolb. Er äußerte überdies den Eindruck, dass ein Neubau von zwei weiteren Gleisen durch das Kinzigtal aufgrund der Topographie unwahrscheinlich sei. Er glaubt, dass am Ende alles auf die Mottgersspange hinauslaufe. Günter Strelitz (SPD-Kreistag) bezeichnete die umfassende Bürgerbeteiligung als "ehrenwerten Versuch". Die Präsentation des Ministers sei gut gewesen, die Vorstellungen zum Planungsablauf solide. Aber auch er äußerte Zweifel, ob die Bürgerbeteiligung am Ende das Verfahren tatsächlich beschleunige, sondern vielmehr sogar noch verzögere.

Update Mittwoch, Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) beantwortet Anfrage von SPD-Bundestagsabgeordneter Birgit Kömpel: Wie aus einer Pressemitteilung hervor geht, hatte sich die Sozialdemokratin, die den Wahlkreis Fulda/Vogelsberg vertritt, schriftlich beim Bundesverkehrsministerium nach dem aktuellen Stand der Planungen für die Bahnstrecke erkundigt. Die Ausbaustrecke Fulda - Frankfurt sei mit ihrer zweiten Baustufe Bestandteil des Bedarfsplans Schiene und zähle zu den laufenden und fest disponierten Vorhaben, antwortet Ferlemann.

Inhalt dieser zweiten Baustufe sei neben der Linienverbesserung am Bahnhof Neuhof, die bereits abgeschlossen ist, der dreigleisige Ausbau Hailer - Gelnhausen. Gegenwärtig werde die Planung dahingehend überarbeitet, den Ausbau viergleisig zu machen. "Die DB Netz AG hat aufgezeigt, dass die Realisierung eines dreigleisigen Zwischenzustands keine Vorteile bringt", sagt Ferlemann. Es werde nun also ausschließlich der viergleisige Endzustand in diesem Abschnitt weitergeplant.

Mit dem Abschluss des Planfeststellungsverfahrens für den Streckenabschnitt Hanau - Gelnhausen sei nach heutigem Wissensstand frühestens im Jahr 2019 zu rechnen. Dies sei nicht zuletzt abhängig vom Verfahrensverlauf mit möglichen Klagen gegen die Planfeststellungsbeschlüsse, heißt es in dem Brief Ferlemanns an Kömpel.

Für die Streckenführung nördlich von Gelnhausen seien zwei Alternativen vorhanden. Zum einen eine Neubaustrecke von Gelnhausen in den Raum Mottgers zur vorhandenen Schnellfahrstrecke zwischen Würzburg und Fulda, zum anderen ein viergleisiger Ausbau- und Neubau im Kinzigtal von Gelnhausen nach Fulda. Die genaue Streckenführung zwischen Gelnhausen und Fulda solle innerhalb der nächsten drei Jahre ermittelt werden.

Update Donnerstag, CDU lobt breite Bürgerbeteiligung beim Aus- beziehungsweise Neubau der Kinzigtalbahn: Wie aus einer Pressemitteilung hervor geht, werten der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, Michael Reul, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Peter Tauber die jüngste Bürgerinformation der Deutschen Bahn zum Aus- beziehungsweise Neubau der Kinzigtalbahn als "ermutigendes Signal". Mit der Veranstaltung in Gelnhausen sei der Startschuss für eine breite Bürgerbeteiligung gefallen, die Voraussetzung dafür sei, dass das Großprojekt in der Bevölkerung die notwendige Akzeptanz finde und verhältnismäßig zügig umgesetzt werden könne.

Hoffnung auf eine baldige Realisierung des Projektes mache die Ankündigung des Hessischen Verkehrsministers Tarek Al-Wazir, wonach die Prioritätensetzung des Bundes bei Infrastrukturprojekten künftig bei der Auflösung von Engpässen liege. Die Strecke durch das Kinzigtal sei eine der am stärksten belasteten Strecken in der gesamten Bundesrepublik. Auch die Vertreter der Deutschen Bahn hätten deutlich gemacht, dass es sich um ein Projekt von "nationalem Interesse" handele.

Alle Bürgerinnen und Bürger hätten nun die Möglichkeit, ihre Vorschläge und Ideen zur Streckenführung in das Verfahren einzubringen. Ziel sei es, die Belastungen für Mensch und Umwelt möglichst gering zu halten und dennoch den Aus- beziehungsweise Neubau der Kinzigtalbahn möglichst schnell umzusetzen, so Michael Reul.

2034. Frühestens! So lange wird es noch dauern, bis Bahnreisende mit 200 Stundenkilometern und mehr von Fulda Richtung Frankfurt brausen können. In die Planung des millionenschweren Bauprojekts, das entweder durch das Kinzigtal oder über die sogenannte Mottgersspange auf die ICE-Strecke Würzburg nach Fulda führen soll, werden die Bürger aber so früh wie noch nie eingebunden. Offenbar haben Bahn und Politik keine Lust mehr auf ein zweites "Stuttgart 21".