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10. März 2009



Kolumne

Der gebürtige Fuldaer Günter Ederer beleuchtet alle 14 Tage das aktuelle Wirtschaftsgeschehen. Heute: „Erhard muss zurück in die Schulbücher"

Tatort: Der Reichstag in Berlin. Der FDP-Abgeordnete Volker Wissing aus Landau in der Pfalz diskutiert mit der 11. Klasse einer Integrierten Gesamtschule aus seinem Wahlkreis. Die Jugendlichen stellen Fragen, unter anderem zu seinen Möglichkeiten, auf die Gesetzgebung einzuwirken. Die Klassenlehrerin, eine Frau Studienrätin, hakt ein: „Und was machen Sie eigentlich gegen das ausufernde Wachstum? Dagegen, dass immer mehr produziert wird – mehr Pullover zum Beispiel, die niemand braucht und die dann den Leuten aufgeschwatzt werden. Wachstum erzwingt Verschwendung!“
Ganz so unterbelichtet wie diese Studienrätin aus der Südpfalz sind unsere Lehrer Gott sei Dank nicht alle. Aber wenn es um die einfachsten Zusammenhänge wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten geht, sieht es in unseren Schulen trostlos aus.
Suchen Sie einmal Ludwig Erhard in unseren Schulbüchern, fragen Sie einmal, ob unsere Abiturienten noch wissen, wer Ludwig Erhard ist und was er für diese Republik bedeutet? Wenn Sie Glück haben, wird er mit dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ in Verbindung gebracht. Von der ist sogar in unseren Schulbüchern zu lesen. Nur was da beschrieben wird, hat mit den Vorstellungen von Ludwig Erhard nichts tun. Da wird eine Form des Wohlfahrtsstaates angepriesen, vor dem Erhard eindringlich gewarnt hat.
GÜNTER EDERER
Unbequemer Journalist aus Leidenschaft

Günter Ederer ist kein sonderlich bequemer Typ. Als Journalist hat der gebürtige Fuldaer in den vergangenen 45 Jahren mehr Zeit in Autos und Flugzeugen verbracht als manch anderer im heimischen Schlafgemach. Er hat viele Wahrheiten ausgesprochen, die sich andere nicht zu sagen trauten. Und auch nach mittlerweile 23 Auszeichnungen als Autor und Fernsehjournalist ist dem 67-Jährigen die Leidenschaft, sich einzumischen, nicht abhanden gekommen. In der neuen Serie „Was Ludwig Erhard dazu sagen würde…“ beleuchtet Ederer künftig in unserer Zeitung an jedem zweiten Samstag die Facetten eines Themas, das nicht nur in Zeiten der Krise alle angeht: Die Wirtschaft.
Wie können Menschen langfristig gemeinsam in Frieden und Wohlstand leben? Diese Frage war stets eine Triebfeder des journalistischen Handels von Günter Ederer. Bei seiner Arbeit in 62 Ländern rund um den Globus hat er eine Antwort gefunden: „Die Voraussetzung ist, dass freie Bürger in einer freien Gesellschaft leben.“ Und für Ederer stellt die Soziale Marktwirtschaft Ludwig Erhards jene Wirtschaftsordnung dar, die Wohlstand für alle garantiert. Was das in der Praxis bedeutet: „Wir brauchen einen starken Staat, der für den Wettbewerb in einem freien Markt die Regeln festlegt, die Einhaltung dieser Regeln überwacht, sich aber ansonsten raushält.“ Was passiert, wenn sich der Staat hingegen zu viel oder an falscher Stelle einmischt, hat der Journalist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Thema seiner Filme und Bücher gemacht. / Barbara Wege
In 15 von 16 Bundesländern – außer Bayern – ist Ludwig Erhard aus den Schulbüchern verschwunden – und da sind sicher nicht nur die Alt-68er Schuld. Da hat auch die CDU gekniffen, die Erhard gerne in ihren Sonntagsreden erwähnt, seine Inhalte allerdings konsequent missinterpretiert.

Die Auseinandersetzungen nach dem Krieg, wie Deutschland wiederaufgebaut werden soll, ähneln durchaus der aktuellen Situation. Die Mehrheit der Deutschen vertraute dem Staat, misstraute dem Markt. Die später so gefeierte Marion Gräfin Dönhoff über Erhards Wirtschaftsreform: „Das wäre nach Hitler und der Zerstückelung Deutschlands die dritte Katastrophe.“
Da die deutsche Gesellschaft – und ich meine hier wirklich alle: Parteien, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften – die Erinnerung an die „Soziale Marktwirtschaft“, wie sie Ludwig Erhard verstanden hat, weitgehend ausgeblendet haben, kann heute der Staat als Retter in der Not wieder fröhliche Urständ feiern – vor allem, weil ein Ludwig Erhard weit und breit nicht in Sicht ist.
„Die Wirtschaft kann sich nicht selbst überlassen bleiben. Der Traum vom ausgleichenden segensreichen Spiel freier Kräfte ist ausgeträumt“ – lesen und hören wir das nicht zur Zeit von Politikern der großen Regierungskoalition? Und Hand aufs Herz: Ist das nicht auch Ihre Meinung?

Das Zitat stammt vom Parteitag der SPD im September 1948. Es war grottenfalsch und ist es auch heute noch.
Und damit komme ich zurück auf unsere Studienrätin aus der Südpfalz. Um die Konjunktur nicht abschmieren zu lassen, will der Staat jetzt in Bildung investieren – viele Milliarden. Toiletten in Schulen werden erneuert, Dächer wasserdicht gemacht, Wände gestrichen: Ein Programm wie für einen Dritte-Welt-Staat. Aber das nützt nichts, wenn die Bildungsinhalte gleich bleiben. Wir können in Palästen aus Marmor und Edelstahl unterrichten – wenn die Lehrer und Lehrerinnen aber die primitiven Zusammenhänge zwischen Wachstum und Wohlstand nicht verstehen, wenn sie „Staat“ statt „Markt“ predigen, werden wir von Krise zu Krise stolpern bis wir bei der Verdummung à la DDR ankommen. Deshalb mein Vorschlag zur Krisenbewältigung: Ludwig Erhard zurück in die Schulbücher. Das bringt sehr viel und kostet gar nichts.

Günter Ederer


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