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29. Oktober 2012



Aufleben der alten Burschenherrlichkeit

Von Sebastian Kircher

Fulda
„Obwohl ich schon lange Zeit Alter Herr bin, fühle ich mich bei dem Lied wieder wie ein Bursche“, sagte Dr. Norbert Herr, als das Lied „O alte Burschenherrlichkeit“ erklang. Als Philistersenior des CV-Zirkels Buchonia Fulda oblag es ihm, den großen Festkommers zum 120-jährigen Bestehen zu schlagen.

Zum Jubiläum des Altherrenzirkels im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV) konnte Herr zahlreiche Ehrengäste im Parkhotel Kolpinghaus begrüßen. „Fulda war schon immer eine Stütze des CV“, erklärte Herr. Derzeit habe die Buchonia einen historischen Höchststand bei der Mitgliederzahl, mehr als 300 Personen imRaum Fulda seien mit ihr verbunden. Fünfmal habe die Stadt bereits die Cartellversammlung des Verbandes ausgerichtet, zuletzt 2010.

Studentenverbindungen ständen jedoch heutzutage vor großen Problemen. „Das Studium ist mittlerweile nur noch wie ein Dienstleistungsunternehmen. Studenten heben sich nicht mehr spezifisch von anderen ab, sondern sind Teil der allgemeinen Jugendkultur“, sagte der Philistersenior. Nur noch ein Prozent der Studierenden sei korporiert. Deswegen müssten Verbindungen wieder Teil des öffentlichen Bewusstseins werden. Gerade in den Zeiten der Bologna-Reform, in denen Mobilität und Flexibilität von Studenten verlangt werde, könne eine Korporation zu einer Art Familienersatz werden. „Es bringt nichts, am Stammtisch zu sitzen und zu jammern, ‚Früher war alles besser‘. Wir müssen lernen, die Chancen der heutigen Welt zu nutzen“, sagte Herr.

Oberbürgermeister GerhardMöller (CDU) betonte in seinem Grußwort, dass das, was Fulda und denCV verbinde, die gemeinsame Geschichte sei. „Eine Ihrer Prinzipien ist patria, das Vaterland. Patria bedeutet auch, sich in die Gemeinschaft und die Gesellschaft einzubringen. Dies tut die Buchonia mit Veranstaltungen wie dem Festkommers“, sagte Möller. Landrat Bernd Woide (CDU) fügte hinzu, dass gerade in Zeiten der Schnelllebigkeit eine Vereinigung wie die Buchonia gefragt sei. „Hier werden beständige Werte vermittelt und aufrecht erhalten. Diese Beständigkeit wirkt sich später positiv aufs Berufs- und Privatleben aus“, erklärte Woide.

Dr. Christian Schäfer, Philistersenior der Adolphiana Fulda, bezeichnete die Buchonia als „Patenonkel“ der Adolphiana, auf den man sich immer verlassen könne. „Man kommt nach Fulda, und die Welt ist noch in Ordnung: Egal, wo hin wir schauen – Schulwesen, Politik, Gemeinwesen –, überall ist der CV aktiv“, sagte Schäfer stolz. Das Herz einer Studentenverbindung sei jedoch nicht die Altherrenschaft, sondern die Aktivitas. Deswegen freue er sich, dass an diesem Abend gleich drei neue Mitglieder aufgenommen werden konnten.

Als Vertreter der anderen Verbände richtete Ulrich Frei vom Altherrenzirkel Unitas Fulda die Grüße der Verbände aus. „Katholische Verbindungen haben sich im 19. Jahrhundert als Gegenwehr im Kulturkampf zwischen der katholischen Kirche und Preußen gegründet, entstanden jedoch nicht unter der Regie der Kirche“, sagte Frei. Heute existiere zwar kein äußerlicher Druck mehr, dennoch trügen katholische Akademiker nach wie vor eine besondere Verantwortung.
Die Festrede des Kommerses hielt Professor Klaus-Dieter Scheurle (CSU), Staatssekretär im
Bundesverkehrsministerium. Scheurle sprach über den Besuch Papst Benedikts XVI. im Bundestag im September 2011. Die Erwartungen zur Rede seien hoch gewesen: Viele  erhofften Äußerungen zur Ökumene, zum Missbrauchsskandal oder zur Finanzkrise. „Doch der Papst ging nicht auf einzelne Themen ein, sondern hielt eine viel grundsätzlichere Rede zu Ethos und Recht“, sagte Scheurle. Dies sei der einzig richtige Weg gewesen. „Der Besuch war ein guter Tag für Berlin und hat mich persönlich berührt“, sagte Scheurle.

Musikalisch umrahmt wurde der Kommers vom Orchester der Freiwilligen Feuerwehr Dirlos unter der Leitung von Karl-Heinz Vogel.


Leser-Kommentare ( 9 )
  • Merker (95) | 30. October 2012;30.10.2012;1351588485 --> 30 Oktober 2012
    Es spricht für die demokratische Kultur

    unter den Studenten, dass sich nur noch 1 Prozent solchen überholten Gruppierungen anschließen. Ausgrenzung von Frauen, bierernste Karnevalsverkleidung, Deutschtümelei und Schwelgen in Alkoholdünsten haben es auch nicht anders verdient!

  • HarryHirsch (561) | 30. October 2012;30.10.2012;1351580925 --> 30 Oktober 2012
    Gefährlich

    Solche Leute gefährden in meinen Augen die Demokratie und den Frieden. Das demokratische Deutschland wird unterhöhlt durch alte Strukturen von gestern.

  • schreibvehler (31) | 30. October 2012;30.10.2012;1351620957 --> 30 Oktober 2012
    "solche Leute" wie HarryHirsch

    mir fielen passendere Analogien aus der Fauna ein!
    Auch wenn es nicht in die Brunftzeit fällt, Stichwort Märzrevolution.

    Jagen ihnen traditionelle (aktuell Kirmessen) ebenso Friedensverlustängste ein?
    Ist ein Turnverein wie FT 1848 in ihren Augen antidemokratisch?
    Wie stehen sie zu den Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold?

    Tradition, Sprachtum, Glaube, Heimat, Familie, Identität sind in meinen Augen ganz sicher keine "unterhöhlenden Tendenzen, die Frieden und Demokratie in Deutschland gefährden"!