Fulda +12°/-3°C
> >     
Social Plugins können Daten übertragen (siehe Datenschutzbestimmungen)
23. September 2012



Der Pfarrer rief zum Boykott auf

Von Rainer Ickler

Schmalnau
Vor 40 Jahren wurde in Schmalnau der SPD-Ortsverein Ebersburg gegründet. Eigentlich nichts Besonders, sollte man denken. Doch damals schlugen die Wellen hoch, mischte sich die Kirche ein, und der Pfarrer empfahl den katholischen Gläubigen, diese Partei nicht zu wählen.

Der 78-jährige Werner Ulrich aus Schmalnau war der erste Vorsitzende und erinnert sich an die Anfänge. Zwei SPD-Gemeindeverterter gab es in der damals selbstständigen Gemeinde Schmalnau Ende der 60er Jahre in der Gemeindeverretung. „Es waren aber Nickmänner“, sagt er. Sie seien nicht kritisch gewesen und segneten die Politik  von Bürgermeister Pius Halbleib und dem erstenBeigeordenten Josef Ulrich, gleichzeitig Bauunternehmer, ab.

Werner Ulrich interessierte sich für Politik und zog imJahr 1969 für die Freien Wähler in das Gemeindeparlament ein.  Ihm fiel schon damals auf, dass an der Ortspolitik  etwas geändert werden muss, weil sie nur von  einigen Wenigen im Dorf bestimmt wurde. „Da war zuviel Klüngel, die Bürger  müssen stärker beteiligt werden“,  gibt er die Stimmung wider.

Und dann machten Halbleib und der Beigeordneter Ulrich einen Fehler, wie er heute lächelnd sagt. Sie schickten Werner Ulrich – er arbeitete bei der Firma Ulrich und Halbleib war sein Onkel –  zu einer kommunalpolitischen Schulung.  Vielleicht hofften sie, ihn bekehren zu können. Doch dort lernte Werner Ulrich vieles, vor allem aber, dass die Bürger stärker in die Gemeindepolitik eingebunden werden sollten. Schließlich war die Zeit Ende der 60-er und Anfang der 70-er Jahre die Epoche des Aufbruchs, in der die Sozialdemokraten mit Willy Brandt an der Spitze,  eine neue Politik unter dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ in Deutschland  salonfähig machten. Doch diese neue Denkweise gelangte nur mit Verzögerung in die konservative Rhön.

Werner Ulrich war ein Anhänger des Aufbruchs. 1971 trat er in die SPD ein, und 1972 wurde er zum ersten Vorsitzenden der SPD Ebersburg gewählt. Der damalige SPD-Unterbezirksverbands-Vorsitzende Rudi Hilfenhaus fragte Ulrich: „Wollt ihr nicht einen Ortsverein gründen?“ Sie wollten. Zur Gründungsversammlung am 1. Februar  1972  kamen 21 Interessenten in die Gaststätte Kleinhenz nach Schmalnau, erinnert sich Ulrich.  „Das war für die damalige Zeit sehr viel.“  Er wurde Vorsitzender, zu seinem Stellvertreter wurde Horst Kühner, zum Schriftführer Erich Fischer und zum Kassierer Rudolf Baier gewählt.

"SPD für Katholiken nicht wählbar"

Doch diese Gründung und die Aufbruchstimmung  rief bei einigen im Dorf Irritationen hervor. Zum Beispiel beim örtlichen Pfarrer Jäger. Im Pfarrblatt verkündete er, dass die SPD für Katholiken nicht wählbar sei. Ihr Programm widerspreche den „christlichen Glaubenswahrheiten und Moralgrundsätzen“.  Dies rief ein kreisweites Echo hervor. Die „Fuldaer Zeitung“ und die „Fuldaer Volkszeitung“ griffen das Thema mehrfach auf, in einer Schlagzeile war sogar von „Hexenjagd“ die Rede.

Es sei anfangs schwer gewesen in der Gemeindevertretung. „Wir hatten fünf bis sechs Sitze und 30 bis 35 Prozent Stimmen“, erinnert sich Ulrich. Die Mehrheit hatte immer die CDU. Aber die Diskussionen wurden jetzt offener geführt.  „Wir wurden in der Bevölkerung und bei den Kollegen in der Vertretung anerkannt“,  blickt er zurück.  Für ihn als Fraktionsvorsitzender war es ein zeitaufwändiges Ehrenamt.  Denn er hatte seinen Beruf, er arbeitete  als Bauarbeiter, später als Polier,  musste eine kleine Landwirtschaft  versorgen, die Familie  hatte drei Kinder, und er war  in vielen Vereinen aktiv.  

 Als Kommunalpolitiker sei es für ihn immer darum gegangen, das Beste für Ebersburg, aber auch für den Heimatort Schmalnau zu erreichen, erklärt er.  Und so erzählt er von den Initiativen seiner  SPD. „Die Ampeln in Schmalnau und inThalau waren unsere Ideen, wir haben uns für den Erhalt der Rhönbahn eingesetzt und für die Busverbindung nach Ebersberg.“  Schade findet er es, dass er mit seiner Initiative für ein Naubaugebiet in Schmalnau in den 70er Jahren gescheitert ist.

36 Jahre war der 78-Jährige Werner Ulrich kommunalpolitisch aktiv, sechs Bürgermeister hat er erlebt.  Von 1969 bis 1997 war er Gemeindevertreter, von 1997 bis 2001 Ortsvorsteher in Schmalnau und bis 2005 Mitglied des Ortsbeirates.   Dafür ist er mit dem Ehrenbrief und der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet worden. Sein Sohn Markus ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Fraktionsvorsitzender in der SPD-Fraktion der Gemeindevertretung Ebersburg.


Leser-Kommentare ( 0 )
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden