Experten der Tegut-Handelsgruppe über Lebensmittelskandale
Von Leoni Rehnert
Fulda
Antibiotikaresistente Keime in Hähnchen, gepanschtes Olivenöl, falsch deklariertes Rindfleisch: Das Jahr 2012 ist noch jung und hat schon die ersten Lebensmittelskandale.
DAS UNTERNEHMEN
Tegut ist ein Fuldaer Handelsunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, gute Lebensmittel anzubieten. Mit rund 300 Märkten ist es in Hessen, Thüringen, Nordbayern sowie Göttingen und Mainz vertreten. Eigene Betriebe sind die „Herzberger Bäckerei“ und die „Kurhessische Fleischwaren Fulda“. Insgesamt sind über 6300 Menschen für Tegut tätig. 1947 wurde Tegut von Theo Gutberlet gegründet, dem Großvater des heutigen Vorstandsvorsitzenden Thomas Gutberlet. Dessen Vater, Wolfgang Gutberlet, begann 1982, Bio-Produkte in das Sortiment aufzunehmen. Inzwischen führen die Märkte mehr als 3000 Bio-Produkte, deren Umsatz im Jahr 2010 zu rund 24 Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen hat. / lr
Tegut ist ein Fuldaer Handelsunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, gute Lebensmittel anzubieten. Mit rund 300 Märkten ist es in Hessen, Thüringen, Nordbayern sowie Göttingen und Mainz vertreten. Eigene Betriebe sind die „Herzberger Bäckerei“ und die „Kurhessische Fleischwaren Fulda“. Insgesamt sind über 6300 Menschen für Tegut tätig. 1947 wurde Tegut von Theo Gutberlet gegründet, dem Großvater des heutigen Vorstandsvorsitzenden Thomas Gutberlet. Dessen Vater, Wolfgang Gutberlet, begann 1982, Bio-Produkte in das Sortiment aufzunehmen. Inzwischen führen die Märkte mehr als 3000 Bio-Produkte, deren Umsatz im Jahr 2010 zu rund 24 Prozent zum Gesamtumsatz beigetragen hat. / lr
Mit erschreckender Regelmäßigkeit werden die Verbraucher durch immer neue Warnmeldungen verunsichert. Wie der Lebensmittelhandel damit umgeht, beantworten zwei Qualitätsexperten des Fuldaer Unternehmens Tegut, Andreas Swoboda (42) und Sven Euen (46).
Die Skandale im Lebensmittelbereich reißen nicht ab: In Italien macht eine „Agro-Mafia“ Milliarden mit gefälschten Produkten, im Obst findet sich Pestizid, im Huhn Antibiotika. Wie kommentieren Sie solche Machenschaften?
Andreas Swoboda: Diese Themen prägen unsere tägliche Arbeitspraxis. Wobei man unterscheiden muss: Dass mich jemand betrügt, das kann mir in jedem Lebensbereich passieren. Und wenn sich jemand falsch verhält, gibt es auch immer wieder Skandale. Aber letztendlich geht es grundsätzlich um die Frage nach der Qualität von Lebensmitteln. Und darum, dass wir oft ein falsches Bild von unseren Lebensmitteln haben.
Wie meinen Sie das?
Swoboda: Wir stellen heute Lebensmittel her, wie wir Schrauben machen, in einem arbeitsteiligen Prozess: Der eine stanzt, der nächste poliert, der dritte schraubt das Gewinde rein – und das dann idealerweise in drei verschiedenen Ländern, weil dort die Löhne niedrig sind. Und so machen wir das auch mit vielen Lebensmitteln: Krabben werden in der Nordsee gefischt, werden nach Ghana zum Pulen gefahren, dann gesäubert und über drei Etappen zurückgebracht. Wenn ich den Arbeitsprozess auf diese Weise in seine Einzelteile zerteile, dann geht mir der Blick auf das Ganze schnell verloren.
Wie kann man das als Unternehmen verhindern? Sie müssen Lebensmittel möglichst günstig einkaufen, um sie verkaufen zu können – und sie sollen Ihrem Qualitätsanspruch genügen. Wie geht das im Idealfall?
Sven Euen: Nehmen wir das Beispiel Fleisch. Wir versuchen, den arbeitsteiligen Prozess so weit wie möglich in der Region zu belassen und auch weitgehend zu steuern. Wir arbeiten also mit allen zusammen – vom Landwirt bis zum Vertrieb. Das gelingt uns bei der Marke Landprimus und beim Rhöner Biosphärenrind hervorragend. Die Landwirte sind nicht weiter als 50 Kilometer von uns entfernt, und wir kennen alle. Das gibt uns Sicherheit bis in die letzte Produktionsstufe.
Swoboda: Das gelingt uns – trotz der viel größeren Entfernung zum Erzeuger – auch bei Obst und Gemüse. 90 Prozent kaufen wir direkt bei den Landwirten. Das ist für den Handel eher untypisch.
Wie? Sie kennen den Landwirt in Afrika oder der Karibik?
Swoboda: Ja, trotz der größeren Entfernung haben wir die gleiche Nähe zu den Partnern. Wir haben einen regelmäßigen Austausch, und sie kennen unsere Ziele.
Wie funktioniert das?
Swoboda: Ein Beispiel: In der Dominikanischen Republik haben wir ein Projekt mit 300 Kleinbauern, die nach unseren Vorgaben arbeiten. Das heißt etwa, dass sie nicht nur Bananen für uns anbauen, sondern auch Früchte für die Versorgung ihrer Familien. Sie nutzen das Land extensiv, haben medizinische Vorsorgeprojekte initiiert und bewässern vernünftig.
Wir kennen die Leiterin der dortigen Plantage. Wir kennen die Stelle, wo die Bananen gepackt werden. Wir kennen den Logistiker, der die Bananen hierher fährt. Wir kennen den Meister im Reifelager.
Wer bei Tegut kennt all diese Menschen?
Swoboda: In diesem Fall sind das die Kollegen aus dem Qualitätswesen, Herwart Groll, Guido Frölich, beides Agraringenieure, die sich mehrfach vor Ort informieren und Absprachen treffen – und das seit vielen Jahren. Außerdem ist es Bernd Schröder, Geschäftsleitungsmitglied unseres Obst- und Gemüse-Einkaufs, sowie seine Einkäufer, die ebenfalls regelmäßig direkt mit dem Betrieb Vereinbarungen für die kommenden Lieferphasen treffen. Wir könnten auch ein Pflichtenheft hinschicken. Aber wir sprechen lieber mit den Menschen vor Ort.
Wie führen Sie ein neues Produkt ein oder ersetzen es? Wie finden Sie einen passenden Erzeuger?
Swoboda: Wir arbeiten mit sogenannten Bündlern oder Brokern zusammen, die eine sehr gute Marktübersicht haben. Sie suchen und finden nach unseren Vorgaben passende Erzeuger. Aber wir haben auch einen guten Ruf. Immer wieder bewerben sich Erzeuger auch bei uns, um uns zu beliefern.
Was geschieht, wenn Sie sich für einen Betrieb entschieden haben?
Swoboda: Wenn es passt, dann versuchen wir relativ schnell langfristige Absprachen zu treffen. Das ist wichtig für uns und auch für den Erzeuger. Er hat dadurch die Gewissheit, dass er uns über Jahre beliefern kann, wenn er die Qualität hält und sie mit uns weiterentwickelt.
Sind die Produkte eigentlich besser geworden?
Euen: Ja, in allen Bereichen. Aber wir können ja auch gemeinsam mit den Landwirten gestalten. Für uns ist das Vertrauensverhältnis wichtig. Davon profitieren Tegut und der Landwirt. Denn schließlich achten wir auch darauf, dass der Landwirt davon leben kann, wenn er sich auf unsere Vorgaben einlässt. Wir haben doch nichts davon, wenn er morgen nicht mehr da wäre.
Swoboda: Auf diese Weise betreiben wir keine Qualitätssicherung, sondern Qualitätsentwicklung.
Aber Kontrollen gibt es auch?
Swoboda: Ja, jede Woche. Obst und Gemüse testen wir risikoorientiert. Das heißt: Unser Mitarbeiter weiß genau, welche Frucht wann welche Probleme hat – und eventuell behandelt worden ist. Nach diesem Plan ziehen wir Proben.
Und wenn Sie auf einer Tomate Pestizide finden?
Swoboda: Dann wird sie aus allen Läden entfernt. Aber das müssen wir wegen unserer vorgelagerten Maßnahmen nur sehr selten.
Wie läuft die Kontrolle bei Fleisch und Wurst?
Euen: Ich besuche jeden Betrieb, der uns Schweine liefert. Bei Landprimus sind das 52 Landwirte, von denen wir 48 000 Schweine abnehmen. Diese direkte Zusammenarbeit haben wir auch im Bio-Bereich Schwein, wo uns 86 Betriebe beliefern, die allerdings nicht aus der direkten Umgebung sind.
Nah ist dann wieder die Rhön, wo 72 Landwirte Bio-Rindfleisch liefern – und zwar mehr als 30 Prozent der Gesamtmenge.
Kontrollieren Sie auch Produkte wie italienisches Olivenöl, das neulich in Verruf geriet, weil etliche Marken gepanscht waren?
Swoboda: Das ist sogenannte Handelsware, die man auch in vielen anderen Läden findet – genau wie zum Beispiel Produkte von Maggi. Diese Unternehmen sind selbst für die Sicherheit der Produkte verantwortlich, aber wir prüfen etliche davon stichprobenartig und auf Verdacht. Bei Olivenöl unserer Eigenmarke haben wir natürlich Sicherheit.
Sie werben aktuell für Fleisch mit dem Label „Kleinster Preis“. Ist das eine neue Billigmarke?
Swoboda: Nein, das ist nicht neu und auch keine Billigware. Sie firmierte zuvor unter „Buchenhof“ und war nur im Selbstbedienungsbereich zu erhalten. Jetzt gibt es sie auch an der Bedienungstheke. Tegut bietet seit vielen Jahren drei Produktlinien unterschiedlicher Preiskategorien an: die günstigste Ware („kleinster Preis“), die Eigenmarke und Bio-Qualität. Das günstigste Produkt ist keine schlechte Ware. Es erfüllt die gesetzlichen Anforderungen. Aber wir sagen den Kunden auch, warum unsere Eigenmarke und Bio noch besser sind und warum wir sie empfehlen.
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