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18. Januar 2012



Podiumsdiskussion zum Thema „Wege inklusiver Schulbildung“

Von Jennifer Giwi

Fulda
Kinder mit Behinderung besuchen eine Sonderschule. So war es bisher. Am Dienstag diskutierten Interessierte über Bildungswege gemeinsamen Lebens und Lernens.

Der Saal ist gut gefüllt. Die Veranstaltung „Wege inklusiver Schulbildung“, zu der die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Stadt und Landkreis Fulda am Dienstag ins Haus Oranien eingeladen hatte, beginnt verspätet: Denn das Thema stößt bei Betroffenen, Lehrern und Schülern auf großes Interesse, weitere Stühle müssen herbeigeholt werden. „Bisher sollte die Integration von den Menschen, die eine Behinderung haben, selbst geleistet werden. Wir wollen hin zu einer Inklusion: Gemeinsames Leben und Lernen“, erklärt Dr. Irmtraud Schnell, die am Institut für Sonderpädagogik an der Universität Frankfurt arbeitet und mit einem Vortrag über die aktuelle Gesetzeslage in Hessen informiert.

Bereits im Jahr 2009 hat Deutschland die UN Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich verpflichtet, das inklusive Schulsystem durchzusetzen. „Das Land Hessen hinkt noch hinterher“, sagt Schnell. Denn vor der Umsetzung müsse ein radikales Umdenken in der Gesellschaft stattfinden. „Bisher gibt es keine konkreten schriftlichen Vorgaben, wie die Umsetzung zu erfolgen hat“, sagt sie. Lernbehinderung und Sonderschulbesuch würden in der Praxis oft zu gleichbedeutenden Begriffen.

„Kein Kind zurücklassen“

„Nicht die Besonderheit ist das eigentliche Problem, sondern die Diskriminierung“, meint Schnell. Auch Gerhard Renner vom Interessenverband Hessische SchulleiterInnen kritisiert die Diskrepanz zwischen Vision und Realität: „In anderen europäischen Ländern ist die inklusive Schulbildung längst eine Selbstverständlichkeit.“ Jeder Lebensbereich solle mitbedacht werden – Arbeit, Wohnen und Freizeit. „In dubio pro insclusione“, fordert Schnell. So war es auch bei Caroline Fischer. Dass sie damals eine Regelschule besuchen konnte, verdankt sie dem Einsatz ihrer Eltern und Lehrer: „Ich konnte bald rechnen und schreiben. Frontalunterricht gibt es, aber sehr selten“, sagt sie.

Damit steht Fischer fast alleine da, weit über 80 Prozent der Kinder mit Behinderung werden nach Angaben des Sozialverbands Deutschland an eine Sonderschule verwiesen. „Kinder in Sondereinrichtungen werden nicht ausreichend gefördert“, ist Helmut Blum, Vorsitzender des Vereins Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen, überzeugt. Auch Hubert Kallien, Leiter des Sonderpädagogischen Förderzentrums in Bad Bevensen (Niedersachsen) spricht sich für das Konzept aus: „Solche Schulen sehen auch im Klassenraum anders aus. Dort haben Kinder mit Kindern gemeinsam etwas zu tun und nicht ein Erwachsener etwas mit Kindern.“ Der Vorteil dieses Konzepts: Jedes Kind arbeitet an seiner Lernausgangslage weiter. Das Motto „Kein Kind zurücklassen“ zählt. Schnell sagt: „Sonderschüler sind in erster Linie zuerst Kinder und junge Menschen.“



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