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10. Januar 2012



Vortrag: Wird China ein Europa des Ostens?

Von Rainer Ickler

Fulda
Einblicke in das vielen Menschen fremde China gewährte der Sinologe Dr. Helwig Schmidt-Glintzer bei der 28. Jahresauftaktveranstaltung der Sparkasse im voll besetzten Schlosstheater. Er nannte seinen Vortrag: „Auf dem Weg zu einem Europa des Ostens?“

Die Musik von Lingling Yu, die die Pipa, eine chinesische Laute spielte, und die Flötenklänge von Lucia Mense sowie der rote Drache auf der Bühne stimmten die Zuhörer auf die Exkursion in das Reich der Mitte ein. Der China-Experte zeichnete ein differenziertes Bild, das das Land in einem anderen Licht erscheinen ließ.

„China mit seiner immensen Wirtschaftskraft ist derzeit in aller Munde. Es ist ein Land, das sich, ebenso wie Europa, in einem Transformationsprozess befindet.“ Es spreche viel dafür, dass sich beide Länder annähern, erklärte der Referent. „Es gibt für China kein europäisches Modell, das Land der Mitte ist auf der Suche nach einem eigenen Weg.“

Der Referent
Professor Dr. Helwig Schmidt-Glintzer wurde 1948 in Bad Hersfeld geboren. Nach Promotion und Habilitation wurde er 1981 Ordinarius für Ostasiatische Kultur- und Sprachwissenschaft an der Uni München. Mit der Ernennung zum Professor im Jahr 1993 an der Uni Göttingen übernahm er die Leitung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Seine wichtigsten Publikationen: Kleine Geschichte Chinas und Chinas Angst vor der Freiheit. Schmidt-Glintzer ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Chinastudien. / ic
Die Schwäche der deutschen Zivilgesellschaft und eine eingeengte Sichtweise führten zur Ablehnung Chinas. Schmidt-Glintzer korrigierte einige Vorurteile. China habe bei seiner Suche nach einen eignenen Weg aus den Entwicklungen von Russland oder aktuell von Europa gelernt. So sei der Erhalt der territorialen Einheit des Riesenreiches eine Voraussetzung für die Politik. Nur vor diesem Hintergrund sei der Militäreinsatz auf dem Platz des himmlischen Friedens im Jahr 1989 zu begründen. Bei der Armutsbekämpfung sei China weiter als etwa Indien, und in Umweltfragen deute sich ein Wandel an. In China setzt die zentrale Macht der Politik nach wie vor auf eine Planwirtschaft im Unterschied zu den Marktkräften in Europa.

Der Experte prognostizierte einen sozialen und kulturellen Wandel. Ab 2020 würden 100 Millionen Chinesen Auslandsreisen unternehmen und es werde zu vielen Begegnungen kommen – auch in Europa. Natürlich bestünden in China auch Risiken, wie etwa die Protestbewegungen, die Umweltproblematik oder die fehlende Rechtststaatlichkeit. „China wird sich verändern, aber wie soll und kann Europa darauf reagieren?“

Für Europa sei es wichtig, eine Kooperationskultur zu schaffen unter dem Motto „Teilhabe und Teilnahme“. Es müsse ein Bildungsaustausch stattfinden, und die Wertvorstellungen müssten korrigiert werden. Ohne einen eigenen europäischen Verbund, ohne Visionen und ohne eigene Kultur werde sich der alte Kontinent schwertun, mit China mitzuhalten. „Wir haben viel zu bieten und können profitieren, wenn wir China als prosperierenden Staat annehmen und uns darauf einlassen“, sagte er.

Zu Beginn hatte Alois Früchtl, Vorsitzender des Sparkassen-Vorstandes, begrüßt, und die Zuhörer aufgefordert, trotz der vielen schlechten Nachrichten, dem neuen Jahr Kredit zu geben. Landrat Bernd Woide (CDU), Vorsitzender des Verwaltungsrates, forderte Vertrauen ein. Wir müssten an uns glauben und auch den notwendigen Veränderungen vertrauen.



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