Adoptiveltern berichten über Alltag mit ihren Kindern
Hünfeld
Von magischen Momenten, aber auch von zwiespältigen Gefühlen war die Rede während eines Treffens von Adoptiveltern mit Fachleuten vom Jugendamt und der Familientherapeutin Nelly Jourdant im Hünfelder Bonifatiuskloster.
„Ich schoss auf dieses kleine Kind zu, nahm es in die Arme und ich wusste: Es war meins.“ Die erste Begegnung mit ihrem heute fünfjährigen Adoptivsohn lässt die junge Mutter strahlen. Ihre Augen glänzen, ein entspanntes Lächeln liegt auf den Lippen.
Etwa 20 Interessierte kamen zum Treffen, das von der Adoptionsvermittlungsstelle der Jugendämter Landkreis Fulda, Stadt Fulda und Landkreis Hersfeld-Rotenburg organisiert wurde. Eltern, deren Adoptivkinder lange schon erwachsen sind, Eltern, die gerade adoptiert haben und ein Paar, das kurz vor diesem Erlebnis steht, tauschten ihre Erfahrungen untereinander und mit der Hünfelder Familientherapeutin Nelly Jourdant aus – und sprachen offen über ihre Gefühle.
Der „magische Moment“ – das ist der Augenblick, wenn man das eigene Kind zum ersten Mal in seine Arme schließt, ihm in die Augen blickt und spürt, dass es nun zu einem gehört. Ähnlich, aber doch ein wenig anders, gestaltet sich dieses Ereignis, wenn es sich nicht um das leibliche, sondern um ein adoptiertes Kind handelt.
„Wenn ein Kind kommt, ist dieser Moment oft mit Unsicherheit verbunden“, erklärt Nelly Jourdant. Ambivalente Gefühle seien aber natürlich, „denn alle Gefühle haben ihre Berechtigung“. Solche könnten bei Adoptiveltern dann aufkommen, wenn das Kind nicht unbedingt ein „Idealkind“ ist – „aber wer hat schon solch ein Kind?“, fragt Jourdant lächelnd.
„Es war überhaupt kein magischer Moment“, erzählt etwa eine Frau mittleren Alters. Sie sei von sich selbst enttäuscht gewesen, als sie ihre Tochter zum ersten Mal gesehen habe. Wenig später seien diese Gefühle aber gänzlich verschwunden: „Heute denke ich nicht mehr daran. Ich liebe meine Tochter von ganzem Herzen.“ Unvergesslich ist den meisten der Anruf der Adoptionsbehörde, die ihnen die freudige Nachricht mitteilte: „Da strömen Gefühle auf einen ein, die man gar nicht beschreiben kann“, sagt eine junge Frau noch heute ganz gerührt.
Ziemlich aufregend gestalteten sich bei einem Paar die Tage zwischen dem unerwartet frühen Anruf und der Ankunft des Kindes: Elf Wochen Lieferzeit für Babymöbel kündete das Möbelhaus den Eltern an. „Nix da“, sagte der Vater, „das Baby kommt schon am Mittwoch.“ Einigermaßen verdutzt habe der Verkäufer mit verwundertem Blick auf den Bauch der Mutter reagiert. Die glückliche Mutter eines nun drei Monate alten Sohnes lacht herzlich darüber, als sie diese Anekdote erzählt.
„Wer hat schon ein ,Idealkind‘?“
„Ich habe eine große Wertschätzung für das, was Sie sich vorgenommen haben“, sagt Jourdant, die lange Zeit bei der Adoptionsberatungsstelle in Fulda beschäftigt war und heute an der Hochschule Gera doziert. Eine Adoption sei ein Geschenk, aber auch ein Schritt, der Mut erfordere.
Die Fachliteratur besage, so Jourdant, dass ein Kind „immer einen Rucksack mitbringe“. Kinder könnten nikotinsüchtig geboren oder traumatisiert sein. Die Eltern seien sich dann nicht sicher, „ob sie ihr Glück genießen können oder immer die Verhaltensweisen des Kindes analysieren müssen“. Mit jenem Gepäck, dass die Kinder mitbringen, haben einige Eltern Erfahrungen gemacht. Details möchten sie aber nicht in der Zeitung lesen.
Jeder Mensch habe den Anspruch, „alles so verdammt gut zu machen“, sagt die Therapeutin. Aber niemand sei per se fehlerfrei, „wir haben einfach Affekte, die manchmal nicht so rühmlich sind“. Ambivalenzen, also zwiespältige Gefühle, dürften aber nicht negiert werden.
Viele der Seminarteilnehmer wissen, wovon hier die Rede ist – ihnen allen gemeinsam aber ist die unumstößliche Liebe zu ihrem Kind. „Unsere Familie hält fest zusammen“, betont eine ältere Frau, und ihre Sitznachbarin fügt hinzu: „Meine Töchter und ich sind eine Einheit.“ Stimmklang und Körperhaltung seien ähnlich. „Wir haben unsere Kinder mitgeprägt.“ Ihr Ehemann ergänzt: „Je länger man den Weg mit den Kindern geht, desto weniger denkt man daran, dass sie nicht leibliche Kinder sind.“
Von unserem Redaktionsmitglied
Sabrina Mehler
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