Burghaunerin erforscht die jüdische Geschichte der Region
Victoria Bott
Burghaun
Elisabeth Sternberg-Siebert fühlt sich wohl in Burghaun. „Für mich ist es hier perfekt, es ist meine Wahlheimat“, betont die 73-Jährige. Seit über 20 Jahren begibt sie sich auf Spurensuche der jüdischen Geschichte. Im September sollen nun Stolpersteine als Erinnerungen an die Opfer der NS-Zeit in Burghaun verlegt werden.
Den Weg, den Elisabeth Sternberg-Siebert zurückgelegt hat, bis sie Mitte der 80er Jahre nach Burghaun zurückkehrte und kurze Zeit später ihre Forschungsarbeit startet, bezeichnet sie selbst als verschlungen. „Es ist nicht alles geradlinig verlaufen, aber das hat auch Vorteile, dadurch bekommt man mehr mit“, resümiert die dreifache Mutter.
1937 wurde sie in Fulda geboren, in Burghaun wuchs sie mit sechs Geschwistern als Tochter des evangelischen Pfarrers Heinz Martin Siebert auf. „Die Zeit in Burghaun war für mich sehr prägend, ich habe viele Erinnerungen an eine behütete Kindheit.“ Allerdings sind auch schlimme Erinnerungen aus der Kriegszeit in ihr Gedächtnis gebrannt, vor allem an den 21. November 1944, den Bombenangriff auf den Hünfelder Bahnhof. Ihr ältester Bruder kam dabei ums Leben.
Weil der Vater seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen wollte, zog die Familie, als Sternberg-Siebert zwölf Jahre alt war, nach Marburg. 1957 absolvierte sie ihr Abitur auf einer Mädchenschule. „Ich hatte anschließend das Bedürfnis, etwas Praktisches zu machen.“ Deshalb entschied sie sich für eine Ausbildung zur Tontechnikerin in Nürnberg, später arbeitete sie bei Rias in Berlin und dem Bayerischen Rundfunk in München. Doch nach wenigen Jahren war die junge Frau überzeugt, dass das nicht alles sein kann. Sie wollte mehr aus sich machen. Nicht zur hellen Begeisterung ihrer Eltern ging sie mit 25 Jahren nach Kassel auf die Musikakademie und begann eine Ausbildung im Bereich Jugend- und Volksmusik.
Nach zwei Jahren lernte sie ihren damaligen Mann kennen, brach die Ausbildung ab und zog zu ihm nach Mainz. Das Paar bekam drei Kinder, ließ sich nach einigen Jahren allerdings scheiden. Nach einem Zwischenspiel in Frankfurt, wo sie als Betreuerin in einer Kindertagesstätte arbeiteten, fasste Sternberg-Siebert 1973 den Entschluss, Grundschullehramt zu studieren. „Als Alleinerziehende mit drei Kindern war das nicht einfach, es war nervenaufreibend, aber es hat geklappt.“
Ein ganz heißes Thema
Nach dem Studium wollte sie gerne zurück nach Burghaun. Auch ihre Eltern wohnten mittlerweile wieder in der Marktgemeinde. Doch sie bekam eine Stelle in Eiterfeld. „Ich habe mich an der Grundschule sehr wohl gefühlt, den Beruf mit Leib und Seele gemacht, aber mein Ziel war es nach wie vor, in Burghaun zu wohnen und zu unterrichten.“ Mitte der 80er Jahre erfüllte sich ihr Wunsch. „Ich fühle mich hier beheimatet, ich war angekommen“, erzählt sie und fügt augenzwinkernd hinzu: „Hier würde ich auch gern meinen Löffel abgeben.“
Ihr Interesse an der jüdischen Geschichte entflammte 1988 – zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht. An vielen Orten wurde mit Mahnmalen an einstige jüdische Gemeinden erinnert. „Ich wusste nicht viel über die Juden in Burghaun, aber ich glaubte, man könnte so etwas auch hier verwirklichen.“ Doch ihre Initiative stieß auf wenig Zuneigung – das reizte die 73-Jährige. „Ich habe bemerkt, dass ein solches Unternehmen eine längere Vorbereitungszeit brauchte. Es war ein Stück nicht thematisierter Heimatgeschichte.“
SPENDENKONTO
Ein Stolperstein kostet 95 Euro. Das Geld wird durch Spenden aufgebracht. Unter dem Dach der „Bürgerstiftung“ wurde deshalb das Sonderkonto „Stolpersteine Burghaun“ eingerichtet:
„Stolpersteine Burghaun“, Raiffeisenbank Burghaun, Kontonummer 100016802, Bankleitzahl 52069013. / vic
„Stolpersteine Burghaun“, Raiffeisenbank Burghaun, Kontonummer 100016802, Bankleitzahl 52069013. / vic
Um den Opfern in Burghaun ein Gesicht zu geben, hat sie nun mit Josef Staufer und weiteren Helfern die Initiative „Stolpersteine“ ins Leben gerufen. Unterstützung bekommt sie von der Gemeinde. Im September dieses Jahres und im Mai 2012 sollen die kleinen Betonquader, auf denen eingravierte Namen und Lebensdaten an NS-Opfer erinnern, am Ort der letzten frei gewählten Wohnung eines Opfers im Gehweg eingelassen werden. Bislang ist es vorgesehen, 28 Stolpersteine für jüdische Opfer und bis zu drei Steine für Euthanasie-Opfer zu verlegen. Elisabeth Sternberg-Siebert vermutet, dass sie das jüdische Leben im Hünfelder Land nicht mehr loslässt. „Auf irgendeine Weise wird es mich weiter begleiten.“
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