Grundstückseigentümer wehren sich gegen das Biosphärenreservat
sach
Geisa
Mit ungewöhnlicher Schärfe führen Grundbesitzer und die Stadt Geisa ihren Kampf gegen die Erweiterung der Kern- und Pflegezonen im Thüringer Teil des Biosphärenreservats Rhön. Und immer wieder wird dabei der böse Vergleich mit der Enteignung zu Zeiten der DDR herangezogen.
Das Dorfgemeinschaftshaus in Bremen, einem Stadtteil von Geisa, ist überfüllt. Der Karnevalverein verteilt alkoholfreie Getränke. Die Stimmung ist angespannt und gereizt. Mitglieder der Jungen Union Geisaer Amt entfalteten ein großes Transparent. „Nein zur Enteignung! Nein zu neuen Kern- und Pflegezonen im Biosphärenreservat!“ ist in großen Lettern zu lesen.
Zwei Drittel nicht betroffen
Karl-Friedrich Abe, Leiter der thüringischen Biosphärenreservatsverwaltung, fasst zunächst die Reaktionen betroffener Grundstückseigentümer auf den ersten Zonierungsentwurf zusammen. „Wir haben 7400 Grundstücke angefasst, identifiziert und in die Karte eingetragen. Etwa zwei Drittel davon sind überhaupt nicht von der Erweiterung der Zonen betroffen“, erklärt Abe. Von den 620 Widersprüchen habe man rund 50 Prozent stattgegeben und die Flächen herausgenommen.
Doch das reicht den meisten nicht: „Die Erwartungshaltung der meisten Grundstückseigentümer war, dass den Widersprüchen stattgegeben wird. Die Enttäuschung war groß, dass der Wille der Menschen mit Füßen getreten wird“, sagt Geisas Bürgermeister Martin Henkel (CDU). Er erinnerte daran, dass 1989/90 das Biosphärenreservat Rhön im thüringischen Teil nach DDR-Recht festgelegt wurde, ohne die Grundstückseigentümer zu fragen. Ein Bürger will wissen: „Werden wir jetzt wieder enteignet?“ Britta Krämer aus dem Thüringer Umweltministerium erklärt, für neue Kernzonen nehme man hauptsächlich Bundes- und Landesforstflächen. Kommunale und private Flächen würden nur Kernzone, wenn der Eigentümer sie für diesen Zweck verkauft.
Anders bei der Pflegezone, hier wähle man die für den Naturschutz wertvollen Flächen aus. Eine Entschädigung gebe es nicht, weil diese Grundstücke so wie bisher weiter genutzt werden dürften, nur nicht intensiver. Zur Erleichterung wurde das generelle Düngeverbot in der Pflegezone auf Grünflächen beschränkt und auch das Wegegebot aufgehoben. Dafür ist jetzt das Campen in der Pflegezone untersagt.
Krämers Appell an die Eigentümer, ihre Flächen „zum Allgemeinwohl“ zur Verfügung zu stellen, wird mit lauten Protestrufen „Wir wollen das nicht!“ aus den Reihen beantwortet. „Wir brauchen kein Biosphärenreservat, um die Natur zu erhalten. Das machen wir selber, und das haben schon unsere Vorväter getan“, schimpft ein Bürger. Ein anderer vergleicht das Vorgehen mit der schrittweisen Enteignung, wie sie in der DDR bei der Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in den 50er- und 60er-Jahren praktiziert wurde. Stadtratsmitglied Martin Veltum (CDU) ruft sogar zum Widerstand auf: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Auch Bürgermeister Henkel äußert sich unmissverständlich: „Entweder die Regeln werden geändert, oder wir sind als Region draußen aus dem Reservat“, sagt er.
Aufruf zum Widerstand
Nach vier Stunden endet die aufgeheizte Versammlung. Eine Einigung gibt es nicht. Bis zum 7. September können die Grundstückseigentümer ihre Änderungswünsche zum zweiten Entwurf abgeben. Der Geisaer Stadtrat beschäftigt sich seit langer Zeit mit den Erweiterungsplänen – und ist alles andere als zufrieden mit den Vorgaben: Wenn der Stadtwald nicht mehr in vollem Umfang bewirtschaftet werden kann, bedeute dies Verluste für die Stadt und damit für die Bürger, argumentiert Henkel. Noch härter treffe es private Waldeigentümer, die auf Werben des Umweltministeriums vor ein paar Jahren in Feststoffheizungen investierten, welche sie mit Holz von eigenen Flächen betreiben.
In der Nachbargemeinde Schleid gebe es ebenfalls viele Grundstücke, die trotz Widerspruchs Pflegezone werden sollen, ebenso im Raum Buttlar. „Das ist das Ergebnis des Moderationsprozesses – für mich eine große Showveranstaltung, bei der Büros viel Geld verdienen“, schimpft Henkel. Stadtrat Andreas Kath (CDU) rät: „Wir sollten alle Mittel ausschöpfen. Das Maß ist voll!“ Der Bürgermeister bemüht die Grundsätze des Biosphärenreservates, wonach sich auch die Region hierzu bekennen müsse. In der Bevölkerung gehe die Stimmung aber eher in die Richtung, aus dem Reservat auszuscheiden. Auch Henkel sieht keinen Vorteil darin, im Biosphärenreservat zu bleiben. Was wären die Folgen? „Weniger Bürokratie, und ein paar Stellen versuchen vielleicht, uns zu drangsalieren. Aber das machen sie ja jetzt auch“, meint Henkel.
Leser-Kommentare ( 4 )
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CanisLupus (240) | 7. August 2012;07.08.2012;1344329336 --> 07 August 2012
Vergleich mit DDR ist eine Frechheit
Die Annehmlichkeite,wie Zuschüsse usw. in Anspruch nehmen und bei Problemen Vergleiche zur DDR herstellen. Wenn die Bürger gegen das Biosphärenreservat sind, sollte man der Stadt Geisa diesen Status mit allen Konsequenten entziehen. So einfach ist das.
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Erntehelfer (458) | 7. August 2012;07.08.2012;1344322244 --> 07 August 2012
Richtig
Man kann die Aufregung nachvollziehen, da wird alles über die Köpfe der Bürger entschieden. Man sollte die Bevölkerung mitnehmen und einbeziehen. Biosphärenreservat ist die eine Sache, die Menschen die hier leben die andere.
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wutbuerger (138) | 7. August 2012;07.08.2012;1344331113 --> 07 August 2012
Erstmal informieren
"Biosphärenreservat ist die eine Sache, die Menschen die hier leben die andere."
Diese Aussage ist vollkommen falsch. Biosphärenreservat bedeutet Kulturlandschaft MIT den darin lebenden Menschen. Somit genau das Gegenteil Ihrer Schilderung.









