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10. Oktober 2012



Mediziner protestieren gegen "zu geringe Honorarerhöhung"

Von Alexander Gies

Hünfeld
Auch Patienten aus dem Landkreis Fulda müssen damit rechnen, heute Morgen bei ihrem Hausarzt vor verschlossenen Türen zu stehen. Manche, aber längst nicht alle Mediziner streiken.

Sie wenden sich gegen die ihrer Ansicht nach völlig unzureichende Erhöhung der Honorare, die ihnen die Krankenkassen angeboten haben. Die Bundesvereinigung der Gesetzlichen Krankenkassen will den 150 000 Kassenärzten und Psychotherapeuten 0,9 Prozent mehr zugestehen, die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert hingegen 11 Prozent mehr. Wer also heute einen Arzt aufsucht, der sollte zuvor telefonisch nachfragen, ob eine Behandlung überhaupt stattfindet. Heute Nachmittag sind – routinemäßig an einem Mittwoch – viele Praxen ohnehin geschlossen.

Unabhängig vom Ausgang der gestrigen Gespräche will der Hünfelder Allgemeinmediziner Dr. Michael Ramrath mit der Schließung seiner  Praxis ein Zeichen setzen. Seit  29 Jahren ist er zusammen mit seiner Frau Barbara in der Innenstadt vertreten. Seit einiger Zeit wird er unterstützt von einer weiteren Kollegin. Der 63-Jährige, der gerne Arzt ist und nach eigenen Angaben noch lange nicht ans Aufhören denkt, hält das Angebot der Kassen „für nicht gerechtfertigt“.

Seit der letzten Anhebung im Jahre 2008 würden erhebliche Mehrleistungen verlangt, die gar nicht oder nur pauschal abgegolten würden. Dazu zählt er beispielsweise die Betreuung der Patienten bei der Überweisung zu Fachärzten oder den ungebremsten Verwaltungsaufwand, der nicht zuletzt von den Kassen mitverursacht werden. Ramrath räumt ein, dass „es keinen Grund zu existenziellen Klagen“ gebe, aber gemessen an den Mehrausgaben, die die Ärzte zu verkraften hätten, stehe der angebotene Lohnzuwachs in keiner Relation. Statt der 900 Millionen Euro für die beschriebene Ärzteschaft seien mindestens zwei bis drei Milliarden Euro notwendig.

Jürgen Raschkewitz, Hausarzt aus Burghaun, teilt die Position seines Kollegen, wird sich aber diesmal an dem Streik nicht beteiligen, weil es die Praxisarbeit im Moment nicht zulasse. Er betreue derzeit leider sehr viele schwerkranke Patienten, die er nicht alleine lassen wolle. „Das wäre nicht zu verantworten“, sagt Raschkewitz.
Trotzdem hält er die Forderungen der Ärzteschaft für nicht überzogen. „Ich verdiene im Grunde genau so viel wie 1999, nur die Kosten sind viel höher“, erläutert er. Die Vergütung sei grenzwertig. Da werde es immer schwerer, in Geräte oder die EDV zu investieren. Kalkulatorisch komme man langsam an betriebswirtschaftliche Grenzen, mahnt Raschkewitz. Das könne man auch am Trend zu Gemeinschaftspraxen ablesen. Raschkewitz glaubt sogar, dass „genug Geld im System ist, es aber nicht dort ankommt, wo der Mangel herrscht.“ Dafür macht er auch die Kassenärztliche Vereinigung verantwortlich, die als halbstaatliche Organisation keine richtige Interessenvertretung der gesamten Ärzteschaft sein könne.

Sorge um das Bild des Arztes

Selbst wenn er den Protest unterstützt, so behagt Raschkewitz doch das Vorgehen nicht:  „Im Grunde treffen wir mit einem Streik ja nur unsere Patienten. Und die Kassen freuen sich noch, weil wir an diesem Tag keine Kosten produzieren.“ Um den Kassen zu zeigen, dass man am Limit arbeite, sei es viel besser, die Patienten privat zu behandeln und die Kosten den Kassen in Rechnung zu stellen, schlägt er vor.

Auf der Suche nach einem geeigneten Druckmittel gegenüber den Kassen ist auch der Rasdorfer Allgemeinmediziner Dr. Klaus Martin. „Als Ärzte auf dem Land haben wir einen besonderen Versorgungsauftrag, weil unsere Patienten anders als in der Stadt nicht so einfach woandershin ausweichen können. Wir wollen unsere Patienten ungern leiden lassen. Deshalb beteiligen wir uns nicht an dem Streik“, stellt der Mediziner klar, dem es bei den laufenden Honorarverhandlungen auch weniger um die Finanzen als um das Berufsbild der niedergelassenen Ärzte geht.

„Das Bild hat mächtig gelitten. Politik und Kassen haben offenbar kein Interesse mehr an Medizinern, die ihren Beruf aus Leidenschaft und mit Herz ausüben. Stattdessen wird man als reiner Leistungserbringer angesehen, dem man nach Belieben die Zahlungen kürzen kann. Das ist eine Frechheit“, erregt sich Martin. Er hat ausgerechnet, dass die angesprochene Erhöhung in seinem Fall Mehreinnahmen von einem Euro brutto mehr pro Tag ausmache – „und die muss ich dann noch durch drei teilen“, erklärt Martin, der seine Praxis zusammen mit seinem Sohn Christian und dem Internisten  Dr. Jürgen Oechel führt.

Martin geht es trotzdem nicht um mehr Geld: „Im Grund klagen viele auf hohem Niveau.“ Er fühlt sich nicht schlecht entlohnt trotz einer 60-Stunden-Woche plus Bereitschaftszeiten. „Mit geht es um das Berufsbild des Arztes“, sagt Martin. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, seinen schwer erkrankten Patienten seine privaten Telefonnummern zu geben, damit sie ihn Tag und Nacht erreichen können: „Das bin ich ihnen schuldig“, sagt Martin.


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