Sparpolitik zwingt Mar.Ko in die Knie
Von Sabine Kohl
Hünfeld
Seit zehn Jahren betreibt Klaus Ohlendorf, Inhaber der Marienapotheke in Hünfeld, gemeinsam mit einem Partner aus Heringen das Sanitätshaus Mar.Ko in der Töpferstraße. Zum 1. November schließt er den Laden – vor allem wegen einer veränderten Vergabepolitik der Krankenkassen im Sanitätsbereich.
„Seit einigen Jahren gibt es immer weniger Festpreise im Bereich der Sanitätsprodukte, die die Krankenkassen direkt mit den Verbänden der Sanitätshäuser aushandeln“, erläutert Klaus Ohlendorf. Stattdessen schreiben die Krankenkassen bestimmte Produktgruppen aus. Ein Sanitätshaus eines Gebiets erhält dann den Zuschlag und darf die Produkte für die jeweilige Krankenkasse exklusiv vertreiben.
Zwar erklärt beispielsweise die AOK Hessen auf Nachfrage, dass bei ihr nur fünf Prozent aller von Ärzten verordneten Hilfsmittel über den Ausschreibungsbereich laufen. „Das kann ich mir aber kaum vorstellen“, meint Klaus Ohlendorf und fügt hinzu: „Allein die vier größten Produktgruppen, die bei uns angeboten werden, werden ausgeschrieben. Das sind Inkontinenzprodukte, Rollatoren, Pflegematratzen und künstliche Ausgänge nach Darmoperationen.“ Er vermutet, dass sich sein Umsatz bei einer Rückkehr zu alten Verhältnissen sofort um 30 bis 35 Prozent steigern könnte. Die Kunden seien da.
„Ich bedauere diese Entwicklung vor allem wegen meiner Kunden. Gerade im Sanitätsbereich ist persönliche Beratung und Ansprache so wichtig“, betont der Apotheker. Dies bestätigt auch Maria Mühlen, die im Sanitätshaus arbeitet: „Viele Kunden nutzen den Besuch bei uns auch, um mal Sachen loszuwerden, ein Gespräch zu führen.“ Im Sanitätsbereich gehe es oft um ganz private oder sogar intime Themen. „Da ist es für viele unserer Kunden einfach wichtig, einen persönlichen Ansprechpartner zu haben“, erläutert Maria Mühlen.
Versorgung vor Ort vergessen
Dieser persönliche Ansprechpartner gehe den Menschen durch die veränderte Vergabepolitik der Krankenkassen verloren. Bestellungen zum Beispiel für Inkontinenzprodukte müssen jetzt per Telefon oder E-Mail aufgegeben werden, was vor allem für ältere Menschen eine Herausforderung und eine Überwindung sei, argumentieren Ohlendorf und Mühlen.
Zwar betont die AOK, bei ihren Ausschreibungen hätten auch Bietergemeinschaften kleiner und mittlerer Häuser eine Chance. Aber: „Die Krankenkassen schließen Verträge ab, die nur noch Großbetriebe erfüllen können“, erläutert Jürgen Göbel, Apotheker aus Heringen und Geschäftspartner von Klaus Ohlendorf. Das Ziel, Kosteneinsparungen im Bereich der Pflegehilfsmittel zu erhalten, sei auch in einem „signifikanten Bereich“ erreicht worden, was mit dazu beitrage, dass die Finanzsituation der AOK stabil sei, so Pressesprecher Stephan Gill. Genaue Zahlen nannte er allerdings nicht.
Durch die Sparpolitik werde jedoch völlig die Versorgung vor Ort vergessen, kritisierten Ohlendorf und Göbel. Kleinen Geschäften wie dem Sanitätshaus Mar.Ko werde die Existenzgrundlage entzogen, ausgelöst auch durch die immer höher werdenden Anforderungen, die der Gesetzgeber im Gesundheitswesen stellt. „Bei uns müsste beispielsweise ein Elektriker alle technischen Geräte prüfen. Das können wir in so einem kleinen Geschäft nicht leisten“, argumentiert Göbel.
Die Entscheidung, das Haus in Hünfeld zu schließen, haben sich sowohl Klaus Ohlendorf als auch Jürgen Göbel nicht leicht gemacht. Erleichtert wurde ihnen der Entschluss durch das Angebot von Matthias Vogt, einen großen Teil des Angebots in sein Orthopädiegeschäft zu übernehmen. Auch Maria Mühlen wird er weiter beschäftigen. So bleibt den Hünfeldern ihre persönliche Ansprechpartnerin in Sanitäts- und Pflegefragen erhalten. „Dass der Arbeitsplatz von Frau Mühlen erhalten bleibt, war für uns eine große Erleichterung“, betont Klaus Ohlendorf.
Dennoch ärgert er sich über die Umstände, die ihn zur Geschäftsaufgabe gezwungen haben, auch deshalb, „weil andere möglicherweise nicht so viel Glück haben, Arbeitsplätze verloren gehen und vor allem ein weiteres Stück Persönlichkeit aus der Geschäftswelt verschwindet“.
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