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5. Oktober 2012



Vor gut 60 Jahren an der Grenze zur damaligen DDR

Rasdorf
Der Schlüchterner Fotojournalist Gustav Hildebrand war in den 50er-Jahren oft Gast an der innerdeutschen Grenze bei Rasdorf, die damals noch sehr durchlässig war und sogar noch Kontakte zwischen Ost und West ermöglichte.

Was er bei seiner Fotopirsch erlebte, war aber auch heikel. Das geht aus seinen Erinnerungen und Fotos hervor, die wir zum „Tag der Deutschen Einheit“ dokumentieren. „An einem Septembermorgen im Jahre 1952 stand ich in der Nähe von Setzelbach auf einem  gemähten Getreidefeld und sah den Bäuerinnen zu, die dort ihre Getreidegarben aufstellten. Ein friedliches Bild, aber die Idylle täuschte. Der Acker lag direkt an der hessisch-thüringischen Grenze, die jetzt eine innerdeutsche Grenze war zwischen der neu entstandenen Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Als Antwort auf die Massenflucht aus der sowjetischen Besatzungszone wurde sie schon ab 1946 für den freien Verkehr gesperrt und ab 26.Mai 1952 völlig geschlossen.

Als ich mich mit einer Bäuerin unterhielt, kam auf dem Zehnmeterstreifen ein Volkspolizist mit einem Pferdegespann, das eine Egge zog, grußlos an uns vorbei. Ich bat die Frau, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und versteckte mich selbst mit schussbereiter Kamera hinter den aufgestellten Garben. Auf ihren Zuruf „Er hat jo a poor schönne Güll“ blieb er kurz stehen und wechselte einige Worte mit ihr, was natürlich verboten war. Es entstand so ein Foto, das ich als ein Dokument zur Zeitgeschichte bezeichnen möchte.

Bei einer weiteren Fahrt an die Zonengrenze konnte ich im Gebüsch versteckt ebenfalls auf dem Zehn-Meter-Streifen einen Fahrer auf dem Traktor mit angehängter Egge  fotografieren. Hinter ihm stand als sein Bewacher ein Volkspolizist. Schon damals wurde dieser Streifen im Volksmund „Todesstreifen“  genannt, weil auf Flüchtlinge aus der DDR, die ihn betraten, gezielt geschossen wurde.  

Ich fuhr auf der B 84, der alten Frankfurt-Leipziger Handelsstraße, die  wie viele  andere  Straßen  an der Grenze auch  gesperrt, oder wie in diesem Fall durch einen  aufgerissenen

Graben und einem Schlagbaum unterbrochen worden war. Bis hierhin ging  ich, als mir plötzlich zwei Volkspolizisten, die Streife gingen, gegenüberstanden. Ich sprach sie an und fragte nach dem Namen des Berges im Hintergrund. Sie gaben eher widerwillig Auskunft und drehten sich um. In dem Moment hielt  ich die Kamera ans Auge. Der eine merkte es und rief hasserfüllt „Du verdammtes Schwein, du wolltest uns fotografieren“, und nahm sein Gewehr auf mich in Anschlag. „Ich könnte dich jetzt abknallen“. Zum Glück beließ er es bei der Drohgebärde.   
Ein andermal unterhielt  ich mich mit einem Bauern, der nach der Heuernte mit  vollbeladenem Wagen von seiner  jenseits der Grenze gelegenen Wiese kam. 2,5 Hektar seiner landwirtschaftlichen Flächen lagen auf sowjetzonalem Gebiet, die er mit amtlicher Erlaubnis noch bewirtschaften durfte. Ein Jahr später war dies nicht mehr möglich. So wie ihm ging es Hunderten von Landwirten, die durch die Grenzsperrung  etwa 2000 Hektar Land verloren. Diese Flächen wurden enteignet und  einer sogenannten Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaft (LPG )  zugeteilt, das heißt, sie wurden Volkseigentum.

Das Schicksal der Menschen zu beiden Seiten der innerdeutschen Grenze ließ mich nicht mehr los. Immer wieder fuhr ich in Richtung Rhön an die neu entstandene Grenze, um zu fotografieren und zu dokumentieren. Nie werde ich die Bilder der Menschen vergessen, die am Zaun stehend, ihren Angehörigen, ehemaligen Nachbarn und Freunden jenseits der Grenze zuwinkten oder  Fotos und Botschaften hochhielten.

Dass dieses menschenverachtende System der Unterdrückung einmal zusammenbrechen würde, war vorauszusehen. Aber dass ich diese Zeit des Umbruchs und der Wiedervereinigung als Zeitzeuge miterleben durfte, darauf hatte ich nicht mehr gehofft und bin umso dankbarer dafür.“


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