Fulda +26°/+14°C
> >     
Social Plugins können Daten übertragen (siehe Datenschutzbestimmungen)
10. Juli 2011



Auf der Couch mit: Doris Stein mit ihrem neuen Herz

Oswald Leibold

Schlüchtern
Mal emotional tief gerührt, dann wieder sachlich-nüchtern und dennoch mit Begeisterung berichtend: Doris Stein ist von ihren Gefühlen hin- und hergerissen, sie bekommt heute noch eine Gänsehaut, wenn sie über ihre ein Jahr zurückliegende Herztransplantation erzählt.

Da huscht ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht, kurze Zeit später werden ihre Augen feucht vor Rührung und Glück. „Für mich war das ein Wunder wie ein Sechser im Lotto, als hätte man die Stecknadel im Heuhaufen gefunden“, beschreibt Doris Stein ihre Gefühlslage im Juli 2010. Damals hatte sich ihre gesundheitliche Situation in der Herzklinik in Rotenburg an der Fulda rapide und nahezu stündlich dramatisch verschlechtert, auch die Ärzte hatten keine Erklärung dafür. Mit dem Rettungshubschrauber wurde Doris Stein auf eigenen Wunsch in die Kerckhoff-Klinik nach Bad Nauheim geflogen. Dort klärten sie die Herzspezialisten über das nahe Ende ihres drei Jahre dauernden Leidensweges auf – und das hieß Herzverpflanzung. Eine andere Möglichkeit gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, zu schwach war die Herzleistung der Patientin geworden.

Und dann geschah das, was Doris Stein auf alle Zeiten ihr ganz persönliches Wunder nennen wird. Am vierten Tag ihres Aufenthalts in der Kerckhoff-Klinik nahm sie ein Arzt zur Seite und überbrachte die frohe Botschaft. Während sich andere auf eine Transplantation wartende Herzpatienten in der Regel vier bis sechs Monate in Geduld üben müssen, hatte man für Doris Stein nach nur vier Tagen ein passendes Spenderherz gefunden. Noch in der Nacht erfolgte die Verpflanzung.

Der Leidensweg der Doris Stein begann im Oktober 2008. Jahrelang hatte sie Sport getrieben, hatte regelmäßig beim Kardiologen Doktor Wiecha (Bad Orb) ihr Herz untersuchen lassen. Dreimal wöchentlich besuchte sie das einen Steinwurf entfernte Fitnessstudio, machte Step-Aerobic, fuhr Rad und Ski und spielte im TC Bad Soden-Salmünster Tennis. Atemnot beschlich sie. „Ich hatte nicht einmal mehr Luft zum Singen“, erinnert sie sich. Die Atemnot verschlimmerte sich. Schließlich musste sie sogar mit dem Rettungswagen ins Klinikum nach Fulda gebracht werden, wo Wasseransammlungen im Körper entfernt wurden. Ihre Herzleistung sank zeitweise unter 30 Prozent. Die Ursache: Eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) wahrscheinlich als Folge einer übergangenen Grippe, die schon Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen kann.

Ein Klinikaufenthalt reihte sich in den nächsten Monaten an den anderen. Vier Wochen Fulda, zwei mal drei Wochen Marburg (dort erhielt sie einen Herzschrittmacher mit Defibrillator), Reha in Bad Orb, Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, Rotenburg/Fulda und schließlich „Endstation“ Kerckhoff-Klinik im Juli 2010. „Dort lernte ich durch und durch menschliche Ärzte kennen, mit denen man über alles reden kann“, lobt Doris Stein. Diese nannten ihre willensstarke und geduldige Patientin nur den „Überflieger“ oder ihre „ideale Patientin“, ihre „Vorzeigepatientin“, denn aufgrund ihres sportlichen Körpers vermochte Doris Stein die Strapazen der Transplantation besser zu verkraften.

Blumen, Tiere und Teppiche sind tabu

„Das ist mein neues, mein zweites Leben, meine zweite Chance“, sagt Doris Stein mit fester Stimme. Und in diesem Leben musste sich zwangsläufig einiges ändern. Von potentiellen Überträgern von Krankheitskeimen muss sie sich fernhalten, daher sind Blumen und Blumenerde in der Wohnung ebenso tabu wie Teppiche oder das Halten von Vögeln und anderen Haustieren.

Äußerste Hygiene ist eine Selbstverständlichkeit, das Essen von rohem Fleisch, Schimmelkäse oder Nüssen verbietet sich. „Man lebt bewusster und intensiver, blickt über manche Dinge hinweg, über die man sich früher aufgeregt hätte“, fasst Doris Stein zusammen. Und noch eine Veränderung hat das neue Herz mit sich gebracht: Fisch mochte sie vor der Herzverpflanzung partout nicht, den isst sie jetzt sehr gerne.

Doris Stein lässt keine Zweifel daran, dass die Familie, allen voran Ehemann Winfried, eine große Stütze während ihrer Krankheit war. „Die Ärzte untersuchen auch das familiäre Umfeld, stimmt das nicht, wird die Transplantation in Frage gestellt“, erzählt Doris Stein. „Auf jeden Fall“ wolle sie wieder wie früher Sport treiben. Mit Radfahren und Nordic Walking hat sie bereits begonnen, am Wochenende nach Pfingsten gab sie an der Seite von Brigitte Dietz im Doppel ihren neuerlichen erfolgreichen Einstand bei den Damen 40 der TC Bad Soden-Salmünster in einem Verbandsspiel – und Doris Stein trug zum Gesamtsieg bei.

Am 24. Juli ist auf dem Anwesen der Familie Stein Feiern angesagt. Doris Stein feiert mit 80 bis 120 Gästen in einem eigens errichteten Zelt den ersten Geburtstag ihres zweiten Lebens. Jedem ihrer Gäste wird sie dann „ans Herz legen“, sich für einen Organspendeausweis zu entscheiden. „Das ist wirklich über die Maßen lebenswichtig, wie man an meinem Beispiel sehen kann“, ermutigt sie auch Unentschiedene, diesen Schritt zu gehen. Gespannt sein darf die „Jubilarin“ auf die Geschenke und Mitbringsel ihrer Gäste zur Feier ihres Geburtstages. Ob da wohl Strampelanzug, Rassel und Beißring mit dabei sein werden?



Leser-Kommentare ( 1 )
  • Beate (1) | 11. July 2011;11.07.2011;1310376215 --> 11 Juli 2011
    Schöner Artikel - Plädoyer für die Organspende

    Was für ein schöner Artikel. Da ich ebenfalls in einem zweiten Leben bin, kann ich die Gefühle von Doris sehr gut nachvollziehen. Ich finde es mutig und engagiert, dass sie an die Öffentlichkeit gegangen ist und finde es prima, dass der Artikel am Ende aufzeigt, wie wertvoll Organspenden sind und wie wichtig es ist, dass wir einen Ausweis in unserer Tasche haben.