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26. September 2012



Blumen-Dörr beendet nach über 100 Jahren Geschäftstätigkeit

Von Ulrich Schwind

Schlüchtern
Das Firmengebäude des Blumen-Paradieses Dörr in der Fuldaer Straße gehörte zum nördlichen Stadteingang wie das Ortsschild. An diesem Donnerstag um 18 Uhr schließt der Laden. Eine über hundertjährige Geschichte geht zu Ende.

Der Name Dörr war weit über den Bergwinkel hinaus ein Begriff für frische Blumenpracht, kreative Gestecke, bunte Topfpflanzen, individuelle Gebinde und würdigen Grabschmuck. Über drei Generationen hat die Familie florale Geschichte geschrieben.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam Heinrich Dörr als Wandergeselle nach Schlüchtern. Weil er sich als Müller in der Hutzelmühle schwer verletzt hatte, konnte er diesen Beruf nicht mehr ausüben. Also baute er 1905 in der Alten Straße das erste Gewächshaus und eröffnete ein Geschäft nahe des Rathauses mit Schwerpunkt Gemüse, Pflanzen und Freilandblumen.

Sohn Rudolf erlernte den Beruf des Gärtnermeisters und baute die Firma weiter aus. Vor allem die Gärtnerei und der Großhandel mit Pflanzen blühten auf. Auf einer Fläche von rund 5800 Quadratmetern „unter Glas“ am Hauptsitz sowie rund 1600 Quadratmeter in der gepachteten Schlossgärtnerei Ramholz wurden Zierpflanzen aus Samen und Stecklingen gezogen. Ein Schwerpunkt waren die Moorbeetkulturen. Teilweise rund 7000 Azaleen und 15000 Eriken wurden pro Jahr gezüchtet und über den Frankfurter Großmarkt sowie an Blumengeschäfte im weiten Umkreis veräußert.

Silber bei der Bundesgartenschau

Doch Rudolf Dörr setzte mit Frau Rosa nicht nur auf Bewährtes. Er züchtete neue Kreationen und stellte sie bei Bundesgartenschauen vor. Der Lohn der Arbeit: zwei Goldmedaillen und eine silberne. Den größten Erfolg brachte in den 50er Jahren die Columnea „Perle von Schlüchtern“. Eine Hängepflanze mit orangefarbenen Blüten.
Die vier Kinder traten alle in seine Fußstapfen. Während Reinhold Dörr bereits verstorben ist, sind in dem Geschäft bis in diesen Tagen die Floristmeisterinnen Gerda Katzer und Gabi Dickert sowie Gärtnermeister Werner Dörr tätig gewesen. Gerda und ihr Mann Hans-Jürgen Katzer – ebenfalls Gärtnermeister – hatten das Blumengeschäft 1980 gepachtet. Sie beschäftigten zeitweise bis zu zehn Mitarbeiter und betrieben weitere Filialen in Steinau und Sterbfritz. Einen schweren Rückschlag mussten sie Anfang der 80er Jahre verkraften: Bei einem Feuer wurde der alte Verkaufsraum in der Fuldaer Straße komplett zerstört. Statt eines Wiederaufbaues kauften die Eheleute schräg gegenüber die Räume der Gärtnerei von Rockenthien und eröffneten dort das Blumen-Paradies Dörr.

Hier waren sie 1983 die ersten in der Region, die die Idee zu einer Adventausstellung umsetzten und seitdem alljährlich die Kunden mit floralen Ideen zur festlichsten Zeit des Jahres erfreuten. Gerda Katzer kam wie ihr Vater überregional zu Ehren. Mehrfach nahm sie am Landeswettbewerb „Bronzene Rose“ teil und wurde 1970 Landesmeisterin, bei der „Silbernen Rose“ belegte sie Platz drei.

Bald ist Schluss mit Stress

Mit großem Einsatz war das Ehepaar Katzer stets im Dienst am Kunden. Wegen der Sonntagsöffnung war die Sieben-Tage-Woche für sie Standard, gearbeitet wurde von morgens früh bis manchmal spät in die Nacht.    Mit diesem Stress wird nun Schluss sein. Beide längst im Rentenalter, haben sie sich nach jahrzehntelanger Arbeit den Ruhestand verdient.

Reisen, Enkelkinder und Pflege von eigenem Haus und Garten sollen ihr Leben fortan bestimmen – ab und zu noch ein bisschen. Die beiden Söhne haben sich beruflich längst anderweitig orientiert. Seit fünf Jahren haben Katzers daher extern einen Nachfolger gesucht. Vergeblich. So schließt das Geschäft nun. Ein Autohandel hat die Gebäude erworben und wird in den Blumenhallen schon bald Fahrzeuge ausstellen.

„Natürlich ist das ein harter Einschnitt. Da schwingt eine Portion Wehmut mit. Wir sind schließlich hier groß geworden“, fasst es Gerda Katzer in Worte. Und ihre Schwester Gabi Dickert fügt hinzu: „Das ist schon ein komisches Gefühl, aber letztlich eine Vernunftentscheidung.“


Leser-Kommentare ( 1 )
  • Pitta (59) | 26. September 2012;26.09.2012;1348690208 --> 26 September 2012
    mehr als traurig und schade...

    daß sich hierfür kein Nachfolger finden konnte. Dafür verbreitet sich wie überall der Autohandel.....als ob man so viele Autohändler in der Region benötigt bzw. diese immer größere Verkaufsflächen beanspruchen. Ich weiß nicht, wie und wo man suchte, aber ich weiß von einigen in Großstädten geschlossenen Blumenläden, und die Blumenfachverkäuferin(innen) neue Herausforderungen sucht(en). Sehr sehr schade, daß so ein Traditionsbetrieb aufgeben muß.