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10. Januar 2010



Eine Mutter kämpft für die Freiheit

SCHLÜCHTERN Als „Frau vom Checkpoint Charlie“ ist Jutta Fleck berühmt geworden. Beim CDU-Neujahrsempfang sprach sie über ihre Erfahrungen mit dem DDR-Regime.

Jutta Fleck (63) hat gestern beim Neujahrsempfang des Schlüchterner CDU-Stadtverbands und der CDU-Fraktion ihre Geschichte erzählt. Unter dem Titel „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ wurde Jutta Flecks Lebensgeschichte auch verfilmt. Seit September 2009 ist Fleck Leiterin des Schwerpunktprojekts „Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ bei der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Üblicherweise wird bei solchen Veranstaltungen eigentlich ein Politiker als Gastredner eingeladen. Jutta Fleck fesselte die Zuhörer im vollbesetzten katholischen Pfarrheim mit ihrer leidensvollen Geschichte.

Über eine Stunde lang erzählte die als Jutta Gallus international bekannt gewordene Dresdnerin, wie sie 1982 aus der DDR fliehen wollte, wie sie verraten und in Bukarest verhaftet wurde, wie sie wieder in die DDR überstellt, von ihren neun und elf Jahre alten Kindern getrennt, immer wieder verhört und wegen „schweren Falles von Republikflucht“ zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.
Jutta Fleck erläuterte, warum sie den „sozialistischen Staat“ –  eigentlich eine Diktatur – verlassen wollte. Authentisch, emotional und nicht reißerisch sprach sie über ein ereignisreiches Stück ihres Lebens und wie sie für Frau für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde kämpfte. Und heute setzt sie sich dafür ein, dass die Machenschaften des SED-Regimes nicht in Vergessenheit geraten. Von der Nachfolgepartei „Die Linke“ dürfe man sich nicht überrollen lassen: „Wegen denen bin ich weg.“

Jutta Fleck schildete den Alltag in der DDR, wie sie bevormundet und auf Grund von verwandschaftlichen Westkontakten beruflich eingeschränkt wurde. Mit dem Bau der Mauer stand ihr Entschluss fest: „Ich muss hier raus.“ Hoffnung machte ihr eine durch Erb- und Spargelder finanzierte Hilfsorganisation. Doch „den Herrn“ im Hotel in Severin in Rumänien gab es nicht, stattdessen wurden die Pässe und das Geld aus der Handtasche gestohlen. Zwar stellte die Deutsche Botschaft in Bukarest „grüne Pässe“ aus, mit denen man sich wie neu geboren gefühlt habe, doch das erforderliche Ausreisevisum führte dann zur Verhaftung und der Rückführung – getrennt von den Kindern – in die DDR. Die Machenschaften und Zustände beim Ministerium für Staatssicherheit in Dresden schockierten die Zuhörer.

Am 4. Januar 1983 wurde Jutta Fleck für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis auf Burg Hoheneck geschickt. Mit den anderen politischen und kriminellen Häftlingen „in der Zelle 56“ habe sie versucht, auszukommen. Eine äußerst dubiose Figur war DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, auf dessen Vermittlung Jutta Fleck nach zwei Jahren von der Bundesregierung freigekauft wurde. Welche Qualen die Mutter erleiden musste und wie sie alles Mögliche, auch mit Unterstützung der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, unternahm, um ihre Kinder wieder zu bekommen, verfolgten die Neujahrsempfangsgäste gespannt. Das Schild „Freiheit für die Kinder Beate und Claudia Gallus“, mit dem Jutta Fleck ein halbes Jahr lang am Checkpoint Charlie gestanden hat, ging um die Welt. Erst 1988 brachte – wieder Wolfgang Vogel – die Geschwister nach West-Berlin.

Für die Freiheit eintreten und dem Gewissen folgen und treu bleiben, auch zu einem hohen Preis – mit diesen Worten würdigte Bundespräsident Horst Köhler Flecks Engagement am 16. November 2009 bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Erster Stadtrat Reinhold Baier betonte, dass die Erinnerung an die dunkle DDR-Geschichte nicht verblassen dürfe. Stadtverbandsvorsitzender Hans Konrad Neuroth dankte Jutta Fleck für die ergreifende Rede.

Von unserem Mitarbeiter
WALTER DÖRR



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