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11. September 2011



Herbert Freunds Leben dreht sich um die Musik

Von Julia Weigelt

Salmünster
Er war Klosterschüler, hat eine Musikschule gegründet und ist Lehrer: Herbert Freund lebt für die Musik. Aber nicht so, wie andere es gerne hätten. Das Portrait eines Salmünsterers, der seine Freunde nur außerhalb der Kurstadt hat.

Herbert Freund trägt schwarz. Schon seit 20 Jahren. So ist er nie unmodern – aber auch nie modern. Und zeigt gleich: Er ist einer von diesen Querdenkern. Auch die unmögliche Frisur passt da gut rein: oben Glatze, seitlich dünnes, graues Haar bis zur Schulter. „Die hab’ ich schon immer“, sagt er und lächelt breit. Wer den 61-Jährigen heute in seiner Musikschule im Salmünsterer Industriegebiet besucht, kommt in Räume, die zweckmäßig eingerichtet sind. Ganz fertig ist er noch nicht mit dem Umbau, aber stolz auf das, was er in den vergangenen drei Jahren fast allein geleistet hat. 800 Quadratmeter stehen seinen 350 Schülern dann zur Verfügung, inklusive Saal und Tonstudio.

Dass die Musik im Leben des 61-Jährigen eine so große Rolle spielt, ist eher ungewöhnlich. Von seinen Eltern, einem Forstamtsdirektor und einer Köchin bekam er diese Leidenschaft nicht vermacht. Aber in der Klosterschule in Dillingen/Donau: Dorthin wollte der gebürtige Salmünsterer mit zehn Jahren unbedingt, weil sein cooler Cousin auch dort lernte. Im Orden der Oblaten sang er als Knabensopran, lernte Klavier und Gitarre. Angst hatte der kleine Bub keine, in die große weite Welt zu ziehen. Und seine Eltern ließen ihn.

Mit 17 wechselt er aufs Fuldaer Domgymnasium, „weil ich endlich in richtigen Bands spielen wollte“. Respekt vor den Lehrern hat er da schon lange keinen mehr. Nachdem er kurzzeitig überlegt, zum Finanzamt zu gehen, studiert er doch lieber Musikpädagogik und Deutsch für Lehramt. Geld für sein Studium verdient er mit Auftritten, die er mit seinen Bands absolviert. Aufgewachsen mit der Musik der Beatles und Rolling Stones, macht er bei den Gigs in der Region „ganz versumpfte Tanzmusik“. 3000 Auftritte dürften es schon gewesen sein, bis er 1987 „die Schnauze davon endgültig voll“ hatte.

Stationen des Lehrers Freund waren die Freigerichter Kopernikusschule, die Schlüchterner Stadtschule und die Henry-Harnischfeger-Schule in Salmünster. Seit 16 Jahren unterrichtet der Mann mit den dünnen grauen Locken jetzt an der Berufsschule in Gelnhausen. Hier schätzt er die Vielseitigkeit. Die Freiheit schätzt er an seiner Wohnung im Industriegebiet. Als er 1978 dort baute, gab es um ihn herum nur Pferdeweiden. Jetzt ist er von Betrieben und einer Bet-Gruppe umzingelt – man toleriert sich gegenseitig. In der Kirche ist der Katholik zwar immer noch, aber innerlich hat er sich verabschiedet, wie er sagt. Er glaubt an „was Größeres“.

Beginn in Klosterschule

Die Geschichte seiner Musikschule ist durchaus von Erfolg gekrönt: 1986 gegründet hat er mit seinen Lehrern einige Trends mitgemacht. Anfangs waren alle scharf aufs Keyboard, das gibt es heute kaum noch. Klavier ist jetzt angesagt, Geige, überhaupt die klassischen Instrumente. So 68er-mäßig er auch drauf sein mag: Beim Musizieren ist Disziplin angesagt. „Wenn ich nicht übe, bestraft mich das Instrument“, sagt Freund knallhart. Für Eltern, die ihre Kinder abmelden, weil der Kleine keinen Spaß gehabt hätte, kann Freund kein Verständnis aufbringen. „Spaß kommt von Können“, weiß der 61-Jährige. „Musik ist diktatorisch.“

Schüler für die Musik begeistern, dass ist sein Ziel – auch als Berufsschullehrer. Grade hat er mit den Jugendlichen wieder Cajons gebastelt; Trommeln, auf denen man sitzen kann. Das kommt an bei den jungen Leuten, wenn auch nicht bei allen. Dass manche einfach durch nichts aus ihrer Null-Bock-Haltung zu locken sind, frustriert Freund nicht. Eher schon, wenn er sieht, wie schlecht viele Schulen mit Instrumenten ausgestattet sind. „Ich sehe, mit wie viel Geld ich meine Musikschule betreiben kann“, berichtet er. „Im deutschen Schulsystem wird einfach zu viel Geld verbrannt.“ Aussagen, die man selten so offen von Lehrern hört. Freund kann es sich leisten, er hat mehrere Standbeine. Anfang der 90er saß er sogar mal für die Grünen im Magistrat.

Umweltschutz, Anti-Rüstung, Anti-Atom – das waren seine Themen. Doch die Politik hat er drangegeben. Ohnehin hat er kaum private Berührungspunkte zu Bad Soden-Salmünster. Er wohnt und arbeitet hier, macht sein Ding im Industriegebiet – aber echte Freunde hat er nur außerhalb der Kurstadt, wie er sagt. Zum Musikmachen treffen dann aber wieder alle bei ihm zusammen. Und wenn Herbert Freund mit seinem Kumpels so richtig tief drin ist, in der abgefahrensten Improvisation, dann ist die Frisur auch egal.



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