Szenischer Monolog mit Walter Sittler
SALMÜNSTER Es braucht nicht viel, um eine ganze Welt auf die Bühne zu bringen. Erst recht nicht, wenn auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten, der Schauspieler Walter Sittler zusammen mit sechs Musikern sitzt, steht und geht.
Den beeindruckenden Beweis trat der Schauspieler am Samstag in der Stadthalle Salmünster an. Dort glänzte er als Erich Kästner in dem Bühnenstück „Als ich ein kleiner Junge war“. Regisseur Martin Mühleis hat die gleichnamige autobiografische Erzählung Kästners zu einem szenischen Monolog bearbeitet und mit Sittler hervorragend besetzt. Denn dieser weiß mit den Emotionen seines Publikums bestens umzugehen. Er bringt die Menschen mit seiner weichfließenden Stimme auch an den traurigen Stellen zum Lachen und zeigt damit, wie nah Glück und Unglück beieinander liegen und dass das Glück auch im Unglück existieren kann. Mit wenigen Mitteln beschwört der Schauspieler die Welt herauf, in der Erich Kästner seine Kindheit verbracht hat. Als angegrauter Mann erzählt er von einer Kindheit, die im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt. Dem Lyriker und Theaterkritiker Kästner werden die Begriffe Abschied und Neubeginn schon mit in die Wiege gelegt, denn es ist eine Zeit des Umbruchs.
Musikstücke verstärken die emotionale Wirkung
Der kleine Erich erlebt den letzten deutschen Kaiser und beobachtet den letzten sächsischen König, wie dieser zur Weihnachtszeit an den Schaufenstern entlangflaniert. Sittlers Monolog wird untermalt von Kompositionen aus der Feder von Libor Šíma, der selbst am Saxophon zu hören ist, sowie fünf weiteren Musikern – Anna Curujew (Violine), Martin Maier (Trompete), Ralf Zeranski (Kontrabass), Adrian Romaniuc (Schlagzeug) und Jochen Neuffer (Harmonium). Die Musikstücke verstärken die emotionale Wirkung des gesprochenen Worts, mal aufreizend lebendig und heiter, dann wieder melancholisch und fast schon in eine bedrohliche Tonlage wechselnd – wie es eben so ist im Leben. In seinem grauen Anzug sitzt Sittler mal im Hintergrund auf einer Bank neben den Musikern, mal in helles Scheinwerferlicht getaucht am vorderen Bühnenrand, während der Hintergrund dunkel bleibt. Dies sind die besonders intensiven Momente, in denen Sittler sich ganz als Charakterdarsteller zeigt, der seinen Worten mit sparsamer Gestik Gewicht verleiht, indem er die buschigen Augenbrauen zusammenschiebt, fragend den Blick schweifen lässt, so, als sei das Erinnern ein kummervoller Prozess. Doch gleich darauf gleitet die Stimmung ins leicht ironische, dann funkeln Sittlers Augen und es wird klar, dass Erinnerungen auch dann wertvoll sind, wenn es bittersüße sind.
Von Sabine Schuchardt
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