Rehkitz „Fred“ hält seine Ziehfamilie in Atem
Von Sarah Schleich
Burkhards
In Burkhards im Vogelsberg lebt Familie Möller, die im April außergewöhnlichen Zuwachs bekommen hat: Rehkitz „Fred“, dessen Mutter bei einem Autounfall getötet wurde, wohnt jetzt im Gartenhäuschen.
Obwohl es kaum jemand für möglich hielt, hat die Familie den kleinen Rehbock mit viel Aufwand und Fürsorge aufpäppeln können.
Wer am Gartenzaun der Familie Möller in Burkhards vorbeigeht, muss meistens zweimal hinschauen: Flitzt da tatsächlich ein Rehkitz über den Rasen? Ja! Seit etwa vier Monaten wohnt der kleine Rehbock „Fred“ bei Anja, Andreas und Annika Möller in Burkhards. Er zeigt sich gesund und aufgeweckt, tobt mit den fünf Hunden der Familie ausgelassen im Garten.
Dabei sah es nicht immer so gut aus für das Rehkitz: „Keiner hat wirklich daran glauben können, dass ,Fred‘ überlebt – sein Leben hing am seidenen Faden“, erzählt Jagdpächter Gottfried Mahder, der das Kitz seiner neuen Familie vermittelt hat. Bei einem Autounfall im April wurde „Freds“ Mutter, eine damals hochtragende Ricke, getötet. „Freds“ Geschwister verendeten im Mutterleib, ausgerechnet der Kleinste des Drillings – „Fred“ – überlebte. Jagdpächter Mahder fasste sich ein Herz und informierte Familie Möller, die bereit war, das Kitz zu pflegen. „Ab diesem Zeitpunkt drehte sich alles nur noch um das Reh“, erzählt die 40-jährige Ziehmutter Anja. „Alle zwei Stunden brauchte ,Fred‘ seine Milch – noch dazu eine ganz besondere.“ Das Kitz bekommt Ziegenmilch, die der des Rehwildes sehr ähnlich ist.
Es sei sehr schwierig gewesen, die richtige Nahrung für „Fred“ zu finden, denn die Verdauung des Rehwildes sei überaus empfindlich, so Mahder. „Als ,Fred‘ zum ersten Mal ,Bohnen‘ gemacht hat, hätten wir fast eine Sektflasche aufgemacht“, lacht Anja Möller. „Fred“ sei winzig gewesen, gerade einmal 1200 Gramm habe das Kitz gewogen. In einer Transportbox für Hunde war der Kleine ständiger Begleiter von Ziehmutter Anja.
Mit Hilfe von Tierarzt Dr. Klaus Laube aus Grebenhain ist es Familie Möller letzlich geglückt, das Rehkitz „Fred“ durchzubringen. Doch Jagdpächter Mahder, sowie Möllers betonen, dass ein Garten eigentlich der falsche Lebensraum für ein Rehkitz sei und „Fred“ die absolute Ausnahme bleiben solle. „Wahrscheinlich war es ein bisschen egoistisch von uns, ,Fred‘ zu retten. Rehe gehören in den Wald. Hätte ich ihn liegen lassen, wäre er allerdings gestorben“, sagt Mahder. Auswildern lasse sich das Rehkitz nicht mehr, „Fred“ sei einfach zu zahm. Er wurde bereits mit sechs Wochen kastriert, denn Rehböcke sind eigentlich Einzelgänger und werden in ihrer Jugend angriffslustig. Davon ist bei „Fred“ nichts zu spüren: Fremde beäugt er anfangs etwas skeptisch, aber nach einer gewissen Zeit dürfen ihn auch Besucher streicheln.
Fußball spielen und mit den Hunden toben
Richtig verschmust ist das kleine Kitz. Wie im Bilderbuch schaut es aus, wenn die fünfjährige Annika dem kleinen Bock das Fläschchen gibt oder mit ihm Fußball spielt. Annikas Spielhäuschen ist zur menschenfreien Zone geworden – denn dort schläft jetzt „Fred“. Das kleine Böckchen hat auch allerhand Streiche auf Lager: Die Rosen im Garten sind bereits weitläufig eingezäunt, denn vor „Fred“ ist keine zarte Knospe sicher. Auch ausgebüchst ist das kleine Kitz schon einmal: „Manchmal döst ,Fred‘ mit den Hunden auf einer Matratze in der Scheune. Als die Tür offen stand, ist ,Fred‘ auf Erkundungstour gegangen. Ich musste ihn dann auf dem Kinderspielsplatz einfangen“, erinnert sich Andreas Möller. Typisch „Fred“ – wo was los ist, ist er sofort zur Stelle. Wenn dann auch noch das Knäckebrot nicht weit ist, wird man den kleinen „Fred“ nicht mehr los.
Wie sieht so eine typische Reh-Mahlzeit eigentlich aus? „Im Moment bekommt ,Fred‘ eine Schüssel Müsli, ein halbes Päckchen Knäckebrot, zwei Äpfel und zwei Flaschen Milch am Tag“, erzählt Ziehmutter Anja, der das Rehkitz anfangs nicht von der Seite gewichen ist. Obwohl es so gesund aussieht, sei das Kitz noch nicht über den Berg. „Ein Risiko bleibt, weil das hier nicht seine natürliche Umgebung ist“, sagt Jagdpächter Gottfried Mahder. Wenn „Fred“ aber weiterhin so viel Glück hat, kann er sich auf ein langes, gemütliches Leben vor seiner Gartenhütte freuen.
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