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26. Februar 2011



Joja Wendt: »Gegen die Widerstände des Schubladendenkens«

Fulda
Pianist Joja Wendt (46) ist ein richtiges Energiebündel. Dies stellte er als Gast der Redaktion eine aufregende Stunde lang unter Beweis. Ebenfalls eingeladen waren drei Leser unserer Zeitung, die das Treffen mit dem quirligen Hamburger bei einem Gewinnspiel gewonnen haben.

Auch Basti (6) ist mit seiner Mama Irina Peters gekommen – und wird vom zweifachen Vater Wendt sofort ins Herz geschlossen.

Herr Wendt, Sie waren ja vor einem Jahr schon mal in Fulda …
(zu seiner Assistentin) Ja, siehste, Karo, ich war schon mal hier!

Erinnern Sie sich noch?
Ja, ich erinnere mich sehr gut. Fulda lag ja damals schon im Herzen von Deutschland. Und es war super – ich habe damals gleich gesagt, dass wir wieder hierher kommen müssen. Früher haben wir ja eher drumherum gespielt; in der Mitte Deutschlands waren wir nie.

Ist Ihnen das Fuldaer Publikum besonders in Erinnerung geblieben?
Also, wenn ich ganz ehrlich sein darf – ich habe 80 Konzerte im letzten Jahr gespielt, und ich weiß nicht mehr, welches Publikum wo wie war. Ich wusste ja auch gar nicht mehr so genau, dass ich in Fulda war. Nur als wir vorhin an dem Living vorbeigefahren sind, habe ich gesagt: Hier war ich schon mal.

Andere erinnern sich an den Dom und Sie an Living...
Ja, den habe ich beim Reinfahren nicht gesehen (lacht).

Der steht gegenüber der Orangerie, wo Sie spielen werden.
Oh ja, die Orangerie ist ein sehr schöner Saal!

An dieser Stelle schaltet sich Lesergewinner Christof Woytaszek ein und sagt: „Aber nicht für das Publikum; wer weiter hinten sitzt, sieht den Künstler gar nicht mehr, sondern nur noch den Rücken seines Vordermannes.“ Gewinnerin Irina Peters hat ebenfalls das letzte Konzert besucht und wirft ein, dass die Atmosphäre aber sehr schön gewesen sei. „An Sie erinnere ich mich,“ ruft Wendt daraufhin erfreut, „wir haben uns in der Pause gesehen.“

Ihr neues Programm heißt „Im Zeichen der Lyra“. Was hat es damit auf sich?
Normalerweise arbeite ich bei meinen Klavierkonzerten mit dem Publikum, erzähle auch viel. Doch jetzt wollte ich mal was ganz anderes probieren. Ich habe auch Kinder in Bastis Alter, und denen habe ich immer Geschichten erzählt. Mein Vater hat das übrigens auch immer schon gemacht. Und deswegen dachte ich mir: Ich erzähle jetzt mal die Geschichte von den Instrumenten. Es wird eine große Projektion von einem Turm auf der Bühne geben – und dieser Turm wird beherrscht von der Königin der Instrumente, der Orgel. Sie ist es nämlich, die viele, viele Töne auf einmal spielen kann, sie kann die Töne lange halten und in jedes Gewand eines anderen Instrumentes schlüpfen. Das ist der Gegenpart des Klavieres und steht für ein restriktives Genre; jeder muss auf seinem Platz verharren – Improvisation ist strengstens verboten. Und das Klavier – natürlich auch Teil der Instrumentenfamilie – widersetzt sich dieser Ideologie, fängt an zu improvisieren, fliegt aus der Familie raus und landet mit einem Riesenknall zu Beginn des Konzertes auf der Bühne. Viele Instrumente solidarisieren sich dann mit dem Klavier, und am Ende schickt die Königin ihren schärfsten Krieger in die Schlacht – die Geige. Die beiden verbrüdern sich am Ende miteinander, und gemeinsam bringen sie den Turm zum Einsturz.

Wenn Joja Wendt erstmal in Fahrt kommt – und das geht schnell – dann ist er kaum noch zu bremsen. Er unterstreicht seine Ausführungen mit wilden Gesten oder indem er plötzlich seine Tasse auf den Tisch hämmert. Und jeder im Raum spürt deutlich, wie viel Herzblut an seiner Arbeit hängt.

Welche Idee steckt hinter der Geschichte?
Hinter der Geschichte steckt ein kleines Mädchen – oder ein kleiner Junge, der keine Lust mehr zum Üben hat. Und sein Großvater nimmt den kleinen Basti zur Seite und erzählt ihm daraufhin die Geschichte von den Instrumenten. Darüber steht das, was auch früher schon viele Philosophen erzählt haben: „Wenn du dein Kind zum Üben bringen willst, dann fülle kein Fass, sondern entzünde eine Flamme.“ Das war auch immer mein Ansatz; ich fand das cool; man muss ja nicht immer Beethoven spielen.

Wer hat Sie denn als Kind wie gepackt? Sie haben ja selbst sehr früh mit dem Spielen angefangen.
Meine Mutter ist Musikerin, und deswegen gab es bei uns zuhause auch viel klassische Musik. Das fand ich aber irgendwann langweilig; ich mochte Jazz lieber. Und Rock und Pop natürlich auch; das wollte ich auch alles lernen. Irgendwann sucht man natürlich seine eigene Identität und beginnt, sich abzugrenzen – vor allem, wenn Mutter Natur die Hormone über den Körper schüttet (lacht). Deswegen ist die Geschichte auf der Bühne auch meine eigene Geschichte. Quasi gegen die Widerstände eines Schubladendenkens.

Gab es bei Ihnen eine Initialzündung, etwas andere Konzerte spielen zu wollen?
Ehrlich gesagt, gibt es ganz platte Gründe; viel zu platt, um sie hier zu erzählen. Der Platteste ist wohl: Ein Konzert braucht einen großen Anfang, ein großes Ende und eine gute Story. Der große Anfang ist einfach, dass ein Klavier auf die Bühne fällt. Natürlich ist das alles projiziert, und es geht nichts kaputt. Es gibt viele Lichteffekte, sehr viel Atmosphäre, und am Ende stürzt der Turm in sich zusammen.

Zwischendurch erläutert Wendt den Titel seines Programmes, landet über das Instrument Lyra in der griechischen Mythologie und erzählt die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Alle sind wie gebannt, selbst die Autorin vergisst das Mitschreiben.

Der Auftritt in Fulda findet vier Tage nach der Premiere statt – werden Sie nervös sein?
Auf jeden Fall! Es kann ja noch so viel schiefgehen, und ich weiß nicht, wie es aufgenommen wird. Ich will natürlich, dass es ein Klavierkonzert bleibt und dass die Kinder gefesselt sind.

Werden Sie allein auf der Bühne stehen?
Es wird einen zusätzlichen Musiker geben, der Orgel, Gitarre und Geige spielen kann. Ein talentierter junger Mann, der aussieht wie Brad Pitt in Dunkel.

Sie sind auf dem TV-Sender Kika bei „Dein Song“ in der Jury. Erzählen Sie uns davon?
Ich finde, das ist das beste Format im deutschen Fernsehen. Die Kinder haben ein Ziel vor Augen mit etwas, das sie sich selber ausgedacht haben. Wir haben berühmte Paten verschiedener Stilrichtungen dabei – zum Beispiel Nena, Nina Hagen oder DJ Ötzi, und für die Kinder ist das eine unfassbare Motivation. Was da an Kreativität und an Potential schlummert – ich fühle mich dort sowas von wohl! Und man kann das nicht mit „DSDS“ vergleichen. Es wird niemand fertig gemacht, alle sind Gewinner.

Das Gespräch schweift ab zu „Tigermutter“ Amy Chua, Lang Lang und asiatischer Disziplin, die Wendt im Umgang mit Kindern als völlig falsch erachtet, aber er sagt auch: Man muss das verstehen.

Sie mixen die Musikstile – Klassik, Jazz, Boogie-Woogie … Geht für Sie irgendeine Stilrichtung gar nicht? HipHop oder Hardrock?
Ich bin ein großer Hardrock-Fan; nur mit Reggae-Musik konnte ich nie viel anfangen. Aber das hat natürlich keine Allgemeingültigkeit.

Haben Sie Vorbilder?
Oh ja – im klassischen Bereich Vladimir Horowitz, der unheimlich humorvoll, aber auch sehr virtuos ist. Dann noch Christian Zimmermann und Keith Jarrett – obwohl der immer sein Publikum beschimpft (lacht).

Für Ottos „7 Zwerge“ haben Sie die Filmmusik geschrieben.
Und dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kinde. Ich hatte zuvor noch nie Filmmusik gemacht und habe ein halbes Jahr daran geschrieben. Aber ich finde, es ist mir glänzend gelungen. Es würde mir auch großen Spaß machen, so etwas noch einmal zu machen.

Ein Konzert für Erwachsene und für Kinder ist doch eine ziemliche Gratwanderung …
Natürlich ist es für Kinder immer schön, wenn der Konzertpianist ein bisschen was erzählt – oder vom Stuhl fällt. Und ich versuche, für Familien ein Programm zu machen und das alles den Leuten näher zu bringen. Ich sage immer: je näher, je besser. Zu mir kommen Leute, die eine Affinität zum Klavier haben oder auch Eltern, die ihren Kindern zeigen wollen: Guck mal, das muss nicht immer so bierernst ablaufen.

Auf CD geht davon leider viel verloren …
Keine CD kann ein Live-Konzert ersetzen. Es ist und bleibt ein Tonträger. Eine DVD ist da vielleicht noch der bessere Transportweg.


Von unserem Redaktionsmitglied
Anne Baun


Tickets für das Konzert am 30. März in der Orangerie in Fulda gibt es von 29,90 bis 44,90 Euro unter http://ticketservice.fuldaerzeitung.de.



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