Kabarettist Hagen Rether trällert, putzt und plaudert in der Orangerie
Von Christian Keste
Fulda
Der breit grinsende Mann auf der Bühne trägt das Haar straff zum Pferdeschwanz gebunden. Sein weißes Hemd im hellen Anzug hat er leger geöffnet. Er könnte Versicherungen verkaufen – oder Gebrauchtwagen. Stattdessen bringt er in Pointen verpackte Sozialkritik unters Volk.
Kabarettist Hagen Rether nahm am Samstag in der rappelvollen Fuldaer Orangerie in einem Drehstuhl Platz, daneben sein Klavier, auf dem Bananen, Sprühreiniger und ein Putzlappen liegen. Mehr Ausstattung braucht der 42-Jährige für sein Programm „Liebe 3“ nicht. Keine Frage – Hagen Rether zieht. Dabei ist es gar keine seichte Kost, die er serviert. Rether tarnt sich als charmanter Conférencier, als einfühlsamer Plauderer, als harmloser Humorist.
Heiter und beschwingt sitzt Rether da, die Beine locker übereinander geschlagen. Er begrüßt das Publikum mit einem fröhlichen „Schalömchen“ und zwischen den Zeilen lässt sich bereits erahnen, was folgen wird. Doch der Essener durchbricht erst einmal die Erwartungshaltung, spielt verträumt auf dem Klavier, trällert dazu ein Lied in seinem ganz eigenen verzerrten Singsang, die Wörter bis zur Unkenntlichkeit gedehnt oder verstümmelt. Er wirkt unbeteiligt, selbstvergessen, als wäre er allein im Saal. Ganz unvermittelt plätschert es ganz friedlich aus ihm heraus: „Mit Thilo Sarrazin und Günter Grass ist die SPD nun endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Das Publikum lacht. Die erste Pointe sitzt. „Aber schön, dass man wieder über Gedichte spricht“, ergänzt er lakonisch.
Was folgt, ist eine dreistündige kabarettistische Operation an allem, was für Rether in dieser Welt schief läuft. Schonungslos seziert er genauso Widersprüche der Weltpolitik, wie er alltägliche Zynismen offenlegt und Heucheleien unserer Volksvertreter diagnostiziert. Waffenhandel, Atomkraft, Terrorismus, Klimawandel, Medienkritik oder Fleischkonsum: Das Spektrum Rethers ist breit.
Mal heiter, mal frotzelnd
„Letztes Jahr haben die rausgefunden, dass Atomkraft gefährlich ist – in Fukushima. Dort musste Feuer in den Kraftwerken mit Schläuchen gelöscht werden. In Deutschland werden damit Atomkraftgegner von der Straße gespritzt“, frotzelt Rether. Zudem entblößt er unsere verzerrte Wahrnehmung. „Immer vor Weihnachten kommt eine Terrorwarnung“, die Angst schüren soll, „um das Volk in Starre zu versetzen“, sagt er, lässt den Kopf in den Nacken fallen und schnarcht gelangweilt. „Im vergangenen Jahr sind 70 000 Menschen am Alkoholkonsum gestorben. Haben Sie Angst vor Riesling?“
In seiner gespielt resignierenden Art greift Rether zum Putzlappen und wischt pedantisch über sein Klavier. Danach schält er bedächtig eine Banane nach der anderen und isst sie. Gerade diese ironische Gleichgültigkeit rüttelt wach, wenn er dabei wie beiläufig von den Toten des Afghanistankrieges, oder von Deutschland, das vom Waffenhandel profitiert, spricht. Rether will nicht nur unterhalten, er will eine Botschaft vermitteln: nicht wegsehen, sondern hinschauen.
Das faszinierte Publikum honoriert ihn immer wieder mit Beifall. Nur einmal – nach drei Stunden – überrumpelt Rether die Zuhörer, als er von Gewalt gegen Frauen spricht. „Jede fünfte Frau hat schon mal Gewalt erlebt. Das sind etwa 60 Frauen hier im Saal – und die Täter sitzen unter uns“, sagt Rether. Stille erfasst den Raum, hängt für etliche gedehnte Sekunden in der Luft. „Und was kommt jetzt?“, fragt er herausfordernd. „Nichts. Tschüss.“ Applaus brandet auf.
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