Zwiespältige Premiere von Verdis „Nabucco“ in Erfurt
Christoph A. Brandner
Erfurt
Orchestral-vokaler Reichtum und szenische Armut prägen den Erfurter „Nabucco“. Die zwiespältige Premiere beglückt mit Wogen wonnigen Wohlklangs und verstört mit merkwürdigen Bildern in einer statisch-fantasiearmen Inszenierung.
Zunächst die unerfreulichen Aspekte der modernistisch-unentschlossenen Produktion. Michael Heinicke, Operndirektor und Chefregisseur, transportiert das Meisterwerk, das den Kampf der Hebräer gegen die Assyrer thematisiert und in kürzester Zeit zum Symbol der italienischen Auflehnung gegen die Habsburger Fremdherrschaft wurde, in die Gegenwart und hier offenkundig in den Arabischen Frühling 2011. Das Einheitsbühnenbild von Peter Sykora erinnert an einen Hör- oder Parlamentssaal (Knesset?) oder an ein Stadion. Von der Decke hängt ein riesiges funkelndes Vieleck, das sich als Götzenbild entpuppt. Von Überzeitlichkeit und immerwährender Aktualität sollen die Kostüme aus verschiedenen Epochen künden. Also keine Spur mehr vom originalen Tempel in Jerusalem, vom Euphrat-Ufer oder vom babylonischen Palast. Zwischen den zwei seitlich aufsteigenden Rängen tummeln sich neuzeitliche Hebräer, sauber aufgeteilt in Zivilisten (Tauben?) und Militaristen (Falken?).
Zaccaria, eigentlich Hohepriester, präsentiert elegant-schwarzen Lagerfeld-Look; Nabucco kommt in einer Operettenuniform samt Cäsaren-Lorbeer als Double des durchgeknallten Verbrechers Gaddafi daher. Nach dem Schlaganfall hockt Nabucco im Rollstuhl mit Königsemblem. Noch zur Frage, wie der berühmte Gefangenenchor arrangiert wird. Im Erfurt regnet es Notenblätter, deren sich die Hebräer bemächtigen, nach vorn treten und in geschlossener Formation die Gedanken der Sehnsucht fliegen lassen.
Das gelingt dem Opernchor des Theaters samt dem Philharmonischen Chor Erfurt (ein Teil ist im Orchestergraben postiert) überzeugend, weil von Andreas Knetelhut sehr gut vorbereitet, und vom Philharmonischen Orchester Erfurt in Kooperation mit der Thüringen Philharmonie Gotha filigran, sanft schwingend und rauschhaft begleitet. Unter der leidenschaftlich-akkuraten Leitung von Generalmusikdirektor Walter E. Gugenbauer, der nach dieser Saison Erfurt verlässt, entfachen die Musici im Verein mit den Vokalisten Sog und Zauber der mitreißenden Musik, die direkt das Herzen trifft. Die einfach strukturierten Harmonien, Melodien und Rhythmen entfachen dank Gugenbauers intensiv-zügigen Dirigats starke dramatische Wirkung. Um die filigranen Effekte der Partitur zu verstärken, werden die elementaren Klangmassen etwas eingedämmt. Dennoch triumphieren glühende Tonsprache, gewaltige Ensembles und heroische Gesänge.
Die Hauptrollen dieser eigentlichen Choroper sind allesamt vorzüglich besetzt: Pierro Terranova schenkt dem Nabucco seinen imposanten Bariton, der die Wandlung vom Diktator zum Schmerzensmann eindringlich nachvollzieht. Ihm steht Vazgen Ghazaryan als Edel-Zaccaria mit seinem rund-geschmeidigem, lyrisch geprägten Bass in nichts nach. Höchste Anforderungen – schwierige Kadenzen und lange Intervalle – bewältigt Irina Rindzuner als Abigail mit ihrem voluminösen dramatischen Sopran bravourös. Lob gebührt auch Marisca Mulder (eine innige Fenena) und Richard Carlucci (ein tonleuchtender Ismaele). Allen dankt das begeisterte Publikum mit entsprechendem Schlussbeifall.
Weitere Aufführungen am 4. und 18. Dezember sowie am 7. und 27. Januar. Karten zwischen 19 und 27 Euro kann bestellen unter Telefon (03 61) 2 23 31 55.
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