Bürgermeister Hans-Jürgen Schäfer lobt seine Schlitzerländer
Von Ulrich Schmid
Schlitz
Der Schlitzer Bürgermeister Hans-Jürgen Schäfer (60, CDU) rechnet damit, dass die Einwohner vom 13. bis 15. Juli ein schönes Fest anlässlich des 1200-jährigen Jubiläums der Burgenstadt zusammen mit ihren Gästen feiern werden.
Seit 1995 auf dem Chefsessel, will Schäfer im Herbst für eine weitere – und letzte – Amtszeit kandidieren.
Ist es etwas Besonderes, Bürgermeister von Schlitz zu sein?
Es ist schon etwas Besonderes, weil Schlitz eine schöne historische Stadt und das Schlitzerland besonders reizvoll sind. Hier wohnen Menschen, die bodenständig, verwurzelt, heimatverbunden, traditionsbewusst und fortschrittlich, weltoffen zugleich sind. Diese Aussage wird alle zwei Jahre eindrucksvoll belegt, wenn das internationale Trachtenfest gefeiert wird. Ansonsten habe ich als Bürgermeister die gleichen finanziellen Sorgen wie die Kollegen der anderen Kommunen auch. Wir sind mit 142 Quadratkilometer Fläche nach Frankfurt und Wiesbaden von der Fläche her die drittgrößte Stadt Hessens, mit 16 Stadtteilen und zwei Behindertendörfern. Da gilt es viel an Infrastruktur zu erhalten, beispielhaft seien nur Wasser- und Abwasserversorgung, Dorfgemeinschaftshäuser und Feuerwehr erwähnt.
Hat Fläche auch Vorteile?
Natürlich. Die Hälfte unserer Gemeindefläche besteht aus Wald, mit den Tälern von Fulda und Schlitz haben wir zwei wunderschöne Landschaften. Dass wir hier Naturgenuss haben, ist uns schon bewusst.
1200 Jahre Schlitz, wissen Sie, der wievielte Bürgermeister Sie sind?
Das ist eine spannende Frage, die ich mal weiterleiten werde. Nach dem Zweiten Weltkrieg bin ich der vierte Bürgermeister, wie viele es seit der Gründung 812 sind, kann ich nicht sagen, auch nicht schätzen. Aber vielleicht bekommen wir es ja heraus.
Gibt es eine Zeit, außer der heutigen, in der Sie gerne die Geschicke der Stadt geleitet hätten beziehungsweise die Sie gerne miterlebt hätten?
Wir leben heute in einer interessanten Zeit und können Dank der modernen Technik beispielsweise die Bilder unserer kleinen Stadt in alle Welt transportieren. Ein sehr markanter Zeitabschnitt war bestimmt Ende des 19., anfangs des 20. Jahrhunderts. 1890 entstanden die ersten fabrikmäßigen Webereien in Schlitz, die Elektrifizierung hielt Einzug, der deutsche Kaiser besuchte Schlitz. Das waren alles schon sehr großartige Ereignisse. Allein die mit Strom betriebenen Wasserpumpen veränderten das Leben der Menschen gravierend. Insgesamt gesehen denke ich schon: Es rentiert sich, heute zu leben.
Was kostet mehr Kraft und Nerven: Ein Stadtjubiläum oder ein Trachtenfest zu organisieren?
Das kann man fast gleichsetzen. Beim Trachtenfest kann man auf einen großen Kreis von Mithelfern zählen, beim Stadtjubiläum liegt die Arbeit auf weniger Schultern.
Worauf freuen Sie sich beim Stadtjubiläum besonders?
Ein Glanzlicht wird sicher das kommende Wochenende. Da freue ich mich schon besonders auf das musikalische Höhenfeuerwerk, aber auch die weiteren Feierlichkeiten, seien es die kirchlichen oder der Auftritt der Frankfurter Philharmoniker werden ganz bestimmt zu Höhepunkten in diesem Jubiläumsjahr.
Wenn Ihnen eine gute Fee, zum Stadtjubiläum drei Wünsche gewähren würde, was antworten Sie?
Erstens: Gutes Wetter. Zweitens: Viele fröhliche Besucher und drittens: ein harmonisches Miteinander.
Welche Wünsche hätten sie abseits des Jubiläums?
Dass die Stadt über die finanzielle Ausstattung verfügt, um die Infrastruktur erhalten zu können. Dann sollte der demographische Wandel nicht dazu führen, dass unsere Dörfer aussterben, vielmehr sollten wir die jungen Leute hier halten können oder gar herholen. Schließlich sollen uns die Töpfe erhalten bleiben, aus denen wir die Altstadtsanierung weiter betreiben können. Wir haben den Vorteil, dass die historischen Gebäude von den Eigentümern genutzt und auch unterhalten werden. Dennoch weiß jeder, wie viel Zeit und Geld die Bewahrung von historischer Bausubstanz kostet.
Sind Sie mit dem gastronomischen Angebot in Schlitz zufrieden?
Für meine Ansprüche reicht es, für die Gäste unserer Stadt könnte es noch besser werden. Ich möchte aber keinesfalls jene verletzen, die in unserer Gastronomie etwas tun und fleißig sind. Aber unter dem Strich könnte man sagen, Schlitz ist gastronomisch ausbaufähig und das Angebot könnte vielfältiger sein.
Der von Ihnen vor einem halben Jahr geäußerte Wunsch, mit Schlitz und seinen Stadtteilen in den Landkreis Fulda zu wechseln, ist aus Ihrer Sicht heute...
...sicher aus Verärgerung über den Vogelsbergkreis entstanden, und ich habe auch nicht gesagt, dass wir wechseln wollen, sondern die Frage gestellt, ob wir mit unseren Anliegen im Vogelsbergkreis noch gut aufgehoben sind. Aber die generelle Frage der Zugehörigkeit steht weiter im Raum. Die Verbindungen nach Fulda sind sehr intensiv, wegen des ICE-Bahnhofs, der Arbeitsstellen, den Schulen, der Einkaufsmöglichkeiten. Es gibt viele Anknüpfungspunkte mit Fulda. Schlitz ist Fulda weit mehr zugewandt als dem Vogelsberg. Die Schlitzerländer planen lieber Ausflüge in die Rhön als auf den Hoherodskopf, obwohl es auf letztgenanntem auch schön ist.
Als Bürgermeister haben Sie ja bald das „Volljährigen-Alter“ von 18 Jahren erreicht. Was war Ihr größter Erfolg, was Ihre größte Niederlage?
In so einem Zeitraum passiert sehr viel. Der größte Erfolg war wohl, dass die Landesmusikakademie in Schloss Hallenburg eingezogen ist. Da haben wir uns gegen 14 Mitbewerber durchgesetzt. Natürlich gab es auch nicht so schöne Ereignisse. Die Schließung der Eichhof-Werke gehören dazu, auch wenn dies nicht von der Stadt zu verantworten war. Aber für Schlitz war das ein herber Rückschlag.
Und sie Schließung des limnologischen Instituts der Max-Planck-Gesellschaft?
Eine solche wissenschaftliche Einrichtung wertet eine Stadt natürlich auf. Aber wir wussten, dass die Forscher hier zeitlich begrenzt arbeiten werden. Insofern war dieser Verlust vorhersehbar.
Die 1300-Jahr-Feier werden wir ja nicht mehr miterleben. Haben Sie eine Vision, wie sich Schlitz in den nächsten 100 Jahren entwickeln wird?
Ja, die habe ich. In Schlitz und seinen intakten, lebendigen Dörfern sollen junge Familien leben und Senioren sich wohlfühlen. Die Kinder sollen in einer gesunden Umgebung aufwachsen. Sie sollen die Dinge haben, die es in den Großstädten dann bestimmt nicht mehr gibt: gute Nachbarschaft, Freunde, Vereine, in denen sich Gleichgesinnte treffen. Das soziale Gefüge soll erhalten bleiben und so das Zusammenleben wertvoll machen– eine Symbiose aus Jung und Alt, wo man füreinander da ist. Vielleicht spielen uns dabei die modernen Medien in die Karten, denn künftig wird der Bildschirm nicht mehr in einem Frankfurter Hochhaus stehen müssen, er kann auch in Schlitz installiert sein. Die Politiker werden der Urbanisierung entgegentreten müssen. Sie dürfen den ländlichen Raum nicht länger vernachlässigen und müssen den Familien die Chance geben, auf dem Land leben zu können. Bevor der ländliche Raum entvölkert wird, muss eventuell sogar ordnungspolitisch eingegriffen werden. Vielleicht kann man dem Trend hin zur Großstadt auch mit Besteuerungsmodellen entgegensteuern. Wer auf dem Land lebt, der zahlt weniger Einkommensteuer.
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