Wie zukunftsfähig sind die Schlitzer Dörfer?
Hans-Peter Saurwein
Schlitz
Gemeinsam mit der Stiftung Schloss Ettersburg hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Studie mit dem Titel „Die Zukunft der Dörfer – Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang“ erstellt. Ausgewählt hatten sie für diese Studie den Kreis Greiz in Thüringen und den Vogelsbergkreis in Hessen.
Einleitend zeigt die Studie mit einigen Zahlen den allgemeinen Bevölkerungsrückgang in den nächsten 38 Jahre auf. 12 Millionen Bundesbürger soll es im Jahr 2050 weniger geben als jetzt. Dieser Rückgang verteile sich aber nicht gleichmäßig über die gesamt Republik, sondern treffe hauptsächlich den ländlichen Raum. Mit ländlichem Raum sind Landstriche mit weniger als 150 Einwohner pro Quadratkilometer (qkm) gemeint. Es ist auch kein deutsches Phänomen alleine. Von Portugal über Mittel- und Ost-Europa, bis hin nach Japan, trifft es alle Länder mit stagnierenden Einwohnerzahlen.
Wie sieht das im Schlitzerland aus? Eckwerte der Bevölkerungsentwicklung sind dem Datenblatt der Hessischen Landesregierung zu entnehmen. Das bescheinigte der Stadt für die Zeit von 2000 bis 2010 einen Rückgang von 10.300 Einwohnern auf 9700. Für den Vogelsbergkreis von 118.500 auf 109.500 Einwohner. Aus diesen Beobachtungen der letzten zehn Jahre hat man eine Status-Quo-Fortschreibung der Vergangenheitsentwicklung gemacht. Vorausgesetzt werden da für die zukünftige Entwicklung in den nächsten 20 Jahren die Entwicklungsmuster der Vergangenheit. Dies sind die Geburtenrate, die Lebenserwartung und die Wanderungsbewegung (Zuzug/Wegzug).
Die Eckwerte der Bevölkerungsentwicklung
Daraus ergibt sich für das Schlitzerland einen Rückgang der Bevölkerung auf 8400 im Jahre 2030. Dies ist ein Minus von 13,9 Prozent. Dieses Minus fällt für den Vogelsbergkreis noch höher aus: 17,6 Prozent; von 109.500 Einwohner 2010 auf 90.200 im Jahr 2030.
Das Durchschnittsalter steigt von 45,7 auf 51,7 Jahre. Das heißt, jeder zweite Schlitzerländer ist im Jahre 2030 älter als 50 Jahre. Die ach so wichtige Bevölkerungsgruppe der unter 20-Jährigen schrumpft von 18,5 Prozent im Jahr 2009 auf 13,4 Prozent in 2030; dafür ist dann jeder neunte Bürger älter als 80 Jahre.
Die Probleme mit sinkenden Einwohnerzahlen
Wie eingangs erwähnt, trifft dieser Bevölkerungsrückgang hauptsächlich den ländlichen Raum, nicht die großen Städte. Hier ballen sich Kreativität, Kultur und Arbeitsplätze. Dagegen hat der ländliche Raum mehr Anhänger als Bewohner. Das größte Problem der schrumpfenden ländlichen Gemeinden wird in Zukunft die Aufrechterhaltung der üblichen Infrastruktur sein. Bei weniger Steuereinnahmen müssen die Kosten auf immer weniger Bewohner verteilt werden. Wasser, Gas, Straßen, öffentliche Dienste und alle Entsorgungssysteme werden wesentlich teurer für die, die dort wohnen und machen einen geplanten Zuzug unattraktiv.
Risikoanalyse bei den Dörfern
172 der 185 Orte des Vogelsbergkreises haben von 2004 bis 2010 mehr als ein Prozent der Bevölkerung eingebüßt, sechs Dörfer mehr als 15 Prozent und Ober-Wegfurth mehr als 20 Prozent. Nur 13 Orte waren stabil oder wuchsen. Darunter sind Herbstein, Homberg/Ohm, Lautertal, Grebenhain, Romrod, Alsfeld und Grebenau, bzw. einige Ortsteile dieser Gemeinden.
Die Studie hatte deshalb eine Risikoanalyse entwickelt, nach der die Ortschaften auf ihre Zukunftsfähigkeit hin bewertet wurden.
Die wichtigsten Punkte:
– höchstens 20 Minuten Fahrzeit zum nächsten Oberzentrum (Fulda);
– die Größe der Ortschaft;
– ein hoher Anteil an jungen Menschen, Bevölkerungsstruktur;
– viele Vereine, viel bürgerliches Engagement im Ort;
– Schulen, Ämter, städtische Einrichtungen schnell erreichbar;
– Besitzverhältnisse von Immobilien;
– Leerstand an Wohngebäuden;
– engagierte Lokalpolitik durch die Bürger.
Aus diesen Kriterien hat man in der Studie ein Punktesystem entwickelt, welches die Zukunftsfähigkeit eines Ortes einschätzt. Je höher die Punktzahl, um so gefährdeter ist der Ort. Ab 14 Punkte aufwärts sei es „besonders kritisch“, bei 6 Punkten spricht die Studie noch von „vorerst zukunftsfähig“.
Die Ortschaften des Schlitzerlandes wurden von der Studie so bewertet:
12-15 Risikopunkte: Ober-Wegfurth und Hemmen;
10 Risikopunkte: Unter-Schwarz;
8 Risikopunkte: Sandlofs;
7 Risikopunkte: Nieder-Stoll.
In der Gruppe der „vorerst zukunftsfähigen“ Orte mit 3-6 Risikopunkten sind:
Hartershausen, Üllershausen, Unter-Wegfurth, Willofs, Ützhausen, Rimbach, Pfordt, Fraurombach und Bernshausen.
Empfehlungen der Studie
Was empfiehlt die Studie den Gemeinden? Die zunehmende regionale Ungleichheit müsse politisch akzeptiert werden. Die gesetzlichen Vorgaben zu Standards der Infrastruktur müssen überprüft werden und wegen der Kostenentlastung an die schwindende Einwohnerzahl angepasst werden.
Es sollen Fonds gegründet werden, durch die der Rückbau der Dörfer und der Abriss von Schrottimmobilien finanziert werden; so erreiche man wieder ein attraktives Ortsbild. Wichtigster Punkt der Empfehlungen ist aber die offene Information der Bürger für ihre Lebensplanung.
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