Bürgerschaftspreis: Die Auths bekommen jede Woche Besuch von antonius-Bewohnern

18. Mai 2017
Zell

Patrick Stang, Steffen Naber und Marvin Gaß leben bei antonius – Netzwerk Mensch in Wohngruppen für Menschen mit Behinderung. Was die drei verbindet, ist nicht nur ihre Freundschaft, sondern eine gemeinsame Familie. Seit acht Jahren sind sie einmal in der Woche zu Gast bei Familie Auth in Zell.

Von unserem Redaktionsmitglied Anna-Lena Bieneck

Die Sonne scheint, auf der Terrasse ist es warm. Unter einem Sonnensegel ist der Tisch gedeckt mit Kaffee, Kakao und Bienenstich. „Das ist unser Ritual. Wenn die Jungs zu Besuch sind, gibt es erst mal Kaffee“, sagt Annette Auth. Seit 2009 engagieren sich die 54-Jährige und ihre Familie bei antonius. Tochter Katharina (27), die heute im karitativen Bereich arbeitet, absolvierte dort damals ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Schnell war auch ihr Vater Günther (64) von der Arbeit mit Menschen mit Behinderung fasziniert. Er entschloss sich dazu, ehrenamtlich einen Jungen mit einer autistischen Erkrankung in der Schule zu betreuen. Und irgendwann kam der Kontakt mit Steffen zustande, später mit Patrick und Marvin.

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Dass die drei heute mit den Auths auf deren Terrasse Kuchen essen, ist selbstverständlich. Als wäre es nie anders gewesen. Und so sitzen in der Sonne alle zusammen und erzählen. „Steffen ist ein Profi an der Luftgitarre“, sagt Günther Auth. Beim Gedanken an die gemeinsamen Konzertbesuche in der Piesel in Dirlos muss Steffen Naber lachen.

„Er rockt den ganzen Laden. Da interessiert sich niemand mehr für die Band auf der Bühne.“ Aber auch, wenn es ein bisschen ruhiger zugeht, fühlt sich der 23-Jährige in Zell wohl. „Manchmal legt er sich einfach auf die Couch und macht ein Nickerchen“, sagt Günther Auth.

„Was wir schon alles zusammen erlebt haben – eigentlich müsste man darüber ein Buch schreiben“, sagt Patrick Stang. Der 23-Jährige hat bei antonius eine Ausbildung gemacht, arbeitet dort im Laden im Verkauf. Seine Freizeit dreht sich um Sport – hauptsächlich um Eishockey und Football: Patrick ist Fan der Fulda Saints und der Lauterbacher Luchse.

„Jeder hat seine Stärken“, sagt Patrick, der seinen Freunden gern unter die Arme greift. Zum Beispiel, erklärt Marvin Gaß, macht ihm seine Hand wegen seiner Behinderung manchmal Probleme. „Bei den Schwächen helfen wir uns eben gegenseitig. Das ist das, was Freundschaft ausmacht“, ergänzt Patrick.

Was die drei Freunde verbindet, sieht man vor allem im Keller: Hier ist ein kunterbunter Hobbyraum entstanden. An den komplett bemalten Wänden finden sich Logos von zahlreichen Fußballvereinen – darunter Eintracht Frankfurt und St. Pauli. Neben einer Fernsehecke stehen hier außerdem auch ein Keyboard und ein Schlagzeug.

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Dass Letzteres bestens funktioniert, beweist Marvin Gaß. Beherzt legt er mit den Sticks los. Neben Musik beschäftigt sich der 16-Jährige leidenschaftlich gern mit Traktoren, Autos und Modelleisenbahnen. Für sein Hobby hat Günther Auth, den Marvin respekt- und liebevoll zugleich „Herr Auth“ nennt, eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dort basteln die beiden gerade an einem Tunnel für Marvins Modellbahn, die bei antonius unter seinem Bett steht.

Musik, Sport, Autos – die Auths ermöglichen es den dreien, ihre Hobbys auszuleben. Sie fahren zu Eishockeyspielen, auf Konzerte, gehen zur Fastnacht. Oder es wird einfach gemütlich gekocht und auf dem Sofa gefaulenzt. Die drei haben untereinander Freunde fürs Leben gefunden. Und mit den Auths eine zweite Familie.

„Unser Anliegen war, Kinder in einen familiären Alltag zu integrieren. Viele Familien, deren Kinder bei antonius leben, sind dankbar für diese Unterstützung“, erklärt Annette Auth. In ihre Familie sind Steffen, Patrick und Marvin herzlich aufgenommen worden – auch vom Nachwuchs. Mit der Enkelin der Auths, die knapp ein Jahr alt ist, beschäftigt sich vor allem Steffen sehr gern. „Der Umgang klappt super“, sagt Günther Auth. „Das ist gelebte Inklusion – vom Babyalter an.“