Die Tiertafel im ersten Jahr: Ausgabestelle Gersfeld zieht Bilanz

Ausgabestelle Gersfeld zieht Bilanz

20. Januar 2014
Gersfeld

Nach einem Dreivierteljahr läuft die Ausgabe Gersfeld der Tiertafel Deutschland "erschreckend gut": 85 Haushalte mit insgesamt 120 Tieren werden mit Futterspenden unterstützt. Inzwischen wird sogar Fuldaer Tierhaltern mit einer mobilen Ausgabestelle geholfen.

Elisabeth schämt sich. So sehr, dass sie weder ihren vollständigen Namen nennen, noch ein Bild von sich veröffentlicht sehen möchte. Elisabeth ist arm. Seit rund einem Jahr lebt die Mittvierzigerin von Hartz IV. Mit gut 300 Euro monatlich auszukommen, das sei schwer. Und noch schwerer, wenn man einen Hund hat, sagt die Rhönerin. Das Tier ist fast sieben Jahre alt, ein Mischling, bunt gescheckt. Nie, sagt Elisabeth energisch, würde sie sich von ihrem Haustier trennen. Auch wenn sie manchmal nicht wisse, wovon sie Hundesteuer, Tierarzt und Futter bezahlen soll. "Lieber esse ich dann weniger."

Geschichten wie diese hat Tanja Weber, selbst Hundebesitzerin, schon viele gehört. Sie ist Initiatorin und Leiterin der Ausgabestelle Gersfeld des Vereins Tiertafel. Im vergangenen März hatte diese ihren Betrieb aufgenommen, nachdem Weber im Fernsehen einen Bericht über die Tiertafel gesehen hatte und daraufhin aktiv werden wollte. Weber ist studierte Veterinärmedizinerin und arbeitet für den Landkreis in der Arzneimittelüberwachung. Ihr Mann hat eine Tierarztpraxis.

Inzwischen betreuen die Gersfelder 85 Tierbesitzer und insgesamt 120 Haustiere. "Es läuft erschreckend gut", sagt Leiterin Weber. So gut, dass bereits rund zwei Monate später, im Mai, eine mobile Futterausgabe eingerichtet worden ist, mit der Tierbesitzer in Fulda versorgt werden. Rund 700 Kilogramm Nass- und Trockenfutter würden nun pro Monat ausgegeben. Diese erhalten die Ehrenamtlichen der Ausgabestelle von der Tiertafel-Zentrale und von Spendern.

Dabei sei der Beginn schleppend gewesen: Beim ersten Ausgabetermin kam genau ein Interessent. "Gerade in der Rhön ist das Leben nicht so anonym, es hat eine Weile gedauert und die Leute haben sich das erst angeschaut, bevor sie die Scheu abgelegt haben", blickt die 33-Jährige zurück. Einige Menschen befürchteten, ihnen würde das Haustier weggenommen, wenn sie die Tiertafel unterstützt.

Das bestätigt Elisabeth, die über Bekannte aus der Zeitung von der Tiertafel gehört hatte. Zunächst hatte sie lange am Marktplatz gestanden und gezögert, ob sie die Ausgabestelle betreten soll. Sie fragte sich, was denn die Leute von ihr denken, wenn sie für ihr Haustier um Futter bittet, obwohl sie für sich selbst kaum sorgen kann.

Bei der Tiertafel kann jeder Tierbesitzer alle 14 Tage kostenlos ein Futterpaket abholen – wenn er nachweist, dass er bedürftig ist, also Hartz-IV-Empfänger, obdachlos ist oder eine geringe Rente erhält. Die Futterspende kommt nur Betroffenen zugute, die Tiere hatten, bevor sie bedürftig geworden sind. Neu angeschaffte Haustiere werden nicht betreut. "Dabei wird je nach Gewicht des Tieres Futter für etwa zehn Tage ausgegeben, nicht für zwei Wochen, denn die Verantwortung soll beim Halter bleiben", sagt Weber.

Für viele Betroffene sei das Haustier mehr als ein Hobby, eher Familienersatz, ein wichtiger sozialer Faktor: Mit einem Hund muss man täglich Gassi gehen – und kommt so aus der Wohnung raus und unter Leute und mit Nachbarn ins Gespräch. Tiertafel-Kundin Elisabeth erklärt: "Lieber esse ich den Kitt in den Fenstern als meinen Hund wegzugeben."