„Ich habe mich zurückgekämpft“: Christian Uhlich wurde Opfer und blieb auf seinen Kosten sitzen

16. September 2017
Fulda

Christian Uhlich ist 36 Jahre alt. Vor drei Jahren war der Fuldaer dem Tod näher als dem Leben. In einer Oktobernacht 2014 wollte er einen Streit schlichten und wurde – wahrscheinlich sogar aus Versehen – mit einem Faustschlag gegen den Kopf niedergestreckt und schwerst verletzt. Er überlebte diese Katastrophe, aber sie verfolgt ihn bis heute. Der Schuldige wurde nicht überführt. Christian Uhlig blieb auf seinen Kosten sitzen. Jetzt bittet er auf einer Spendenplattform um Unterstützung.

Von unserem Redaktionsmitglied Leoni Rehnert

Im Juni 2016 endete der Prozess, von dem selbst der Vorsitzende Richter sagte: „Für das Opfer ist das Urteil schmerzlich.“ Denn in der Verhandlung konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob es wirklich der 25 Jahre alte Angeklagte aus dem östlichen Vogelsbergkreis war, der in der Nacht zum 26. Oktober 2014 in der Fuldaer Gutenbergstraße Christian Uhlich den K.-o.-Schlag versetzt hatte. Aus Versehen, davon ging man aus, weil Uhlig bei dem Streit als Schlichter zwischen die Fronten geraten war.

Aber weil es nach Einschätzung des Gerichtes eben auch einer der vier Freunde des Angeklagten hätte gewesen sein können, wurde der 25-Jährige lediglich wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 60 Euro verurteilt.

Der Grund dafür: Den Faustschlag konnte man ihm nicht nachweisen. Aber dass er versucht hatte, den am Boden liegenden Christian Uhlich zu treten, das sah das Gericht als erwiesen an. Dennoch war die Konsequenz: Es gab kein Schmerzensgeld für Christian Uhlich. Keiner war dafür verantwortlich zu machen, dass er ungebremst auf den Asphalt gestürzt war. Er musste notoperiert werden. Seine Familie wusste lange nicht, ob er überleben würde.

Die Gerichtsverhandlung war bemerkenswert – im negativen Sinne: Sie war erschütterndes Beispiel dafür, wie wenig Verantwortung mancher für sein Tun empfindet und wie gleichgültig mancher gegenüber dem Schicksal anderer ist.

Zwar waren ausnahmslos alle Beteiligten und Beobachter der Schlägerei – acht insgesamt – ermittelt worden und zum Prozess geladen. Aber alle vier Kumpels des Angeklagten erklärten, sie könnten sich eigentlich an nichts erinnern. Nicht daran, was an jenem Abend in der Gutenbergstraße passiert ist, ob und wer wen geschlagen habe, und auch nicht daran, ob und wie man sich einen Tag danach auf eine Absprache geeinigt habe.

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„Für das Opfer ist das Urteil schmerzlich“ - Geldstrafe nach übler Schlägerei in Gutenbergstraße

„Bewusstes Zurückhalten der Wahrheit“, nannte es damals der Vorsitzende Richter und „sauberes Raushalten“. Das hatten die vier – alle Mitte/Ende 20 – wohl auch am Tatabend schon praktiziert: Als eine Polizeistreife, die damals zufällig dazukam, prompt den später Angeklagten festnahm, machten sich dessen vier Freunde aus dem Staub und fuhren nach Hause in den Vogelsbergkreis.

„Für mich ist das ein Rätsel“, sagt Christian Uhlich. „Wie kann man sich denn als Zeuge, als Beteiligter so raushalten, einfach sagen, man könne sich nicht erinnern? Wie geht das? Sind die vier jungen Männer aus dem Gerichtssaal gegangen und haben gesagt ,Geil, wir haben gewonnen?‘ Wie machen die denn weiter? Die müssen doch auch morgens in den Spiegel schauen.“

Der 36-Jährige ist mittlerweile Vater geworden, arbeitet wieder, kann wieder Sport treiben. „Ich habe mich ins Leben zurückgekämpft“, sagt er. Aber es vergehe kein Tag, an dem er nicht an diese Katastrophe denke, „ein Film in Endlosschleife“, nennt er es. „Der ganze Prozess war so kräftezehrend, so irrsinnig anstrengend, körperlich und geistig. Man ist einfach nicht vorbereitet auf das, was da vor Gericht passiert. Ich kam mir manchmal vor, als ob ich mit einem Messer zu einer Schießerei gehe.“

Jetzt, mehr als ein Jahr nach dem Urteil, hat er Bilanz gezogen – auch finanziell. Etwa 13.000 Euro hat er für seinen Anwalt bezahlen müssen, der ihn als Nebenkläger vertreten hat. „Das ist doch verrückt, dass jemand, der Opfer geworden ist, das alles allein tragen muss“, sagt seine Schwester Frauke Uhlich.

„Dazu kommen ja noch Kosten, weil mich meine Freundin in die Reha begleitet hat, für plastisch-chirurgische Eingriffe, für Osteopathie, für eine stornierte Urlaubsreise, die wir damals geplant hatten. Da kommen einfach schnell ein paar Tausend Euro zusammen“, sagt Christian Uhlich.

Nun hat er auf der Internetplattform „gofundme“ unter „Chrissi’s Opferhilfe“ einen Spendenaufruf gestartet. „Ich will mich nicht bereichern, aber einen Teil meiner Kosten davon bezahlen“, sagt er und denkt darüber nach, „ob ich nicht doch noch zivilrechtlich auf Schadensersatz klage“.