Jahresrückblick 2017: Coty verkündet Standort-Schließung in Hünfeld im kommenden Jahr

31. Dezember 2017
Hünfeld

Es war Mitte März als Hünfeld und 380 Wellaner die Hiobsbotschaft erreichte: Coty stellt seine Produktion am Standort in der Konrad-Zuse-Stadt ein. In der zweiten Hälfte des neuen Jahres gehen bei Wella die Lichter aus. Grund dafür: Das Werk biete keine langfristige, nachhaltige Perspektive. Die Nachricht schlug meterhohe Wellen.

Schon im Jahr der Übergabe durch den Kosmetikhersteller Coty kam es im Hünfelder Wella-Werk zu einem Produktionsrückgang. Einige Marken verblieben bei Procter und Gamble (P&G) und fielen somit aus dem Sortiment. Die Mitarbeiter rechneten bereits damit, dass Stellen abgebaut werden könnten.

Parallel zur Übernahme im Jahr 2015 startete Coty eine globale Studie, bei der unter anderem die Leistungsfähigkeit der Standorte überprüft wurde. Wie Werksleiter Gerd Göbel erklärte, stehe Hünfeld dabei, was die Kostensituation angeht, nicht gut da.

Mitte März dann informierte das Coty-Management Mitarbeiter und die Stadt über die Schließung in 2018. Die Nachricht sorgte für Entsetzen – weit über Hünfelds Grenzen hinaus.

Wella fährt die Produktion zurück: Arbeitsplätze bleiben erhalten

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Bürgermeister Stefan Schwenk sprach von einem schweren Schlag für die Mitarbeiter sowie deren Familien, aber auch für die Stadt selbst. Er sei enttäuscht und sehr traurig, wie mit den Beschäftigten umgegangen werde, hieß es damals in einer Mitteilung.

Kritik gab es auch vonseiten der Politik. MdB Michael Brand verdeutlichte, er habe null Verständnis dafür, wie wenig Interesse das Management am Schicksal der Beschäftigten zeige, während der Betriebsrat um seinen Vorsitzenden Norbert Herr sowie die Mitarbeiter zu schmerzhaften Kompromissen bereit seien.

Die Mitarbeiter selbst reagierten niedergeschlagen, einige auch wütend.

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Natürlich ließen die Betroffenen die Entscheidung nicht einfach auf sich beruhen: Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries wurden eingeschaltet. Bei der Maikundgebung des Deutschen Gewerkschaftbundes (DGB) demonstrierten rund 600 Mitarbeiter (etwa 75 Prozent aller Beteiligten der Demo) und deren Angehörige für den Erhalt des Standorts.

Der Betriebsrat zeigte sich kämpferisch: Ende Juli kündigte die Vereinigung an, den Abbau von 100 Arbeitsplätzen mittragen zu wollen. Zudem könnte man die Wochenarbeitszeit von 37,5 auf 40 Stunden erhöhen.

Doch die vorgeschlagenen Schritte zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit blieben von Coty unberücksichtigt. Nur wenige Tage später informierte der Kosmetikhersteller die Belegschaft darüber, dass die Schließung beschlossen ist – und damit alle Hoffnung zerschlagen.

Bei einer Protestaktion machten 100 Beschäftigte ihrem Unmut Luft.

Osthessischer Unternehmer will Hünfelder Wella-Werk kaufen

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Mitte August dann meldete sich der Bad Salzschlirfer Unternehmer Marc Martin bei Coty und bekundete sein Interesse, das Werk mit 280 Mitarbeitern gemeinsam mit einem Frankfurter Banker zu kaufen. Die Antwort des Coty-Chefs war zunächst ein knappes Nein: Das Angebot „passe nicht zu unseren aktuellen Vorstellungen“, hieß es. Und dabei blieb es nicht mal nur bei diesem einen Angebot.

Bei einer Kreistagssitzung in Tann verabschiedeten die Fraktionen einstimmig eine Resolution zu Verhandlungen Cotys mit den Interessenten.

Mitte September dann der Umschwung: Der Kosmetikkonzern wolle doch über den Verkauf verhandeln. Das teilte Martin damals unserer Zeitung mit. Ihn hätten bereits einige Händler angesprochen, die Interesse daran hätten, ihre Produkte in Hünfeld abfüllen zu lassen, zeigte er sich optimistisch. Der Unternehmer würde den Wella-Standort also auch ohne Coty-Aufträge übernehmen.

Im Oktober sollten die Gespräche beginnen.

In der Zwischenzeit einigten sich Coty und der Hünfelder Betriebsrat auf einen Sozialplan, der beide Seiten gleichermaßen zufriedenstelle, wie Werkleiter Gerd Göbel und Betriebsratsvorsitzender Norbert Herr bestätigten. Sozialplan und Interessenausgleich gelten nunmehr für 345 Mitarbeiter. Rund 35 Beschäftigte hatten das Haus bis dahin bereits verlassen.

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Coty einigt sich mit Betriebsrat: Interessenausgleich und Sozialplan für Mitarbeiter

Mit den getroffenen Vereinbarungen über Abfindung, Interessenausgleich und Sozialplan sei zumindest für die Mitarbeiter nun erst mal alles geregelt, sagte Betriebsratsvorsitzender Norbert Herr. Es sei zudem beschlossen worden, dass rund 50 Beschäftigte der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, quasi als verlängerter Arm der Hauptproduktionsstätte in Darmstadt, im Gebäude in Hünfeld verbleiben. Sie werden in dem neuen, eigentlich zur Produktion vorgesehenen Gebäudeteil, ihren Platz haben, erklärt Herr.

Damit steht die Schließung des Wella-Standorts in Hünfeld Ende 2018. Verkaufgespräche würden laut Herr aktuell keine geführt. „Es gibt ja auch keine wirklichen Interessenten mehr“, meint der Betriebsratsvorsitzende.

Dass die Schließung am Ende doch nur ein strategischer Plan Cotys gewesen ist und nichts mit der Wirtschaftlichkeit zu tun gehabt hat, wie zuerst behauptet, das habe das Unternehmen übrigens mittlerweile zugegeben. „Denn wirtschaftlich waren wir schon immer“, schließt Herr. / jos