Jugendpreis 2018: Michael Rödiger pflegt sieben Jahre lang schwerkranken Jungen

15. April 2018
Niesig

Michael Rödiger aus Niesig ist einer von 15 Kandidatinnen und Kandidaten, die die Chance auf den Jugendpreis 2018 haben. Der 17-Jährige pflegte sieben Jahre lang einen schwerkranken Jungen. Der Preis wird von unserer Zeitung und von move36 mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes ausgelobt. Ab 28. April können Sie, liebe Leserinnen und Leser, dann für Ihren Favoriten abstimmen.

Von unserem Redaktionsmitglied Jessica Vey

Der Junge, um den Michael Rödiger sich gekümmert hat, war unheilbar krank. Der 17-Jährige hat ihn gefüttert, gewaschen und ihm die Windeln gewechselt. Bis zum Tod war er ihm ein Freund und Weggefährte – wie ein Bruder. Als er am 23. Februar 2018 starb, hielt er seine Hand.

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Um Michael Rödigers Engagement zu erklären, muss man die Geschichte der Familie Kohlberger erzählen: Bei beiden Kindern der Familie wird im Alter von eins und drei Jahren eine unheilbare Stoffwechselkrankheit festgestellt, verursacht durch einen Gendefekt. Die Ärzte sagen, beide werden nicht älter als 20. Sie heißen René und Nils. René stirbt Ende 2012 im Alter von 14 Jahren. Nils wird 21 und ist im Februar 2018 gestorben.

Als 2011 Vater Stefan an Herzversagen stirbt, braucht Mutter Carmen Hilfe. Zu den befreundeten Familien, die sie fortan unterstützen, gehören auch die Rödigers. Michael Rödiger war damals erst 11. Mit seiner Mutter besuchte er Carmen, René und Nils jeden Freitag. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht mitkommen muss, wenn ihm das zu viel wird. Aber er ließ sich nicht davon abhalten“, erklärt Mutter Bettina Rödiger.

„Ich dachte damals: Wenn meine Mama hilft, will ich auch helfen“, erzählt Michael. Wenn seine Mutter mal keine Zeit hatte, fuhr er mit dem Bus zu Familie Kohlberger. Später mit dem Roller. „Es war meine Freitagsfamilie“, sagt er und lacht. „Carmen war die Freitagsmama.“

Die Beziehung zur Familie wurde immer enger. Mit 15 Jahren war Michael jeden Tag bei ihnen, als René schon gestorben war, und die Krankheit bei Nils voranschritt. „Ich habe jede freie Minute bei Carmen und Nils verbracht“, sagt er, und Carmen nimmt ihn aufs Korn: „Ich hab’ ihn gefragt: ‚Hast du keine Hobbys oder Freunde?‘ Wir wurden ihn nicht mehr los“, sagt sie und lacht laut.

Dann wird ihre Miene weicher und sie fügt hinzu: „Insgeheim freute ich mich natürlich riesig, ihn bei mir zu haben. Seine jugendlichen Sprüche brachten Schwung in den Alltag. Ich habe mich gerne mit ihm unterhalten – fast wie mit einem Sohn.“ Ihre eigenen Söhne haben durch die Krankheit ihre Sprache verloren.

Sie waren an den Rollstuhl gebunden, konnten nichts allein machen. „Wenn wir Nils waschen wollten, brauchten wir zwei Leute dafür. Er schlug dann um sich. Wir mussten dafür sorgen, dass er sich nicht selbst verletzte, oder sich die Magensonde herausriss“, sagt Michael. „Durch die Krankheit war es, als spielte sein Gehirn verrückt.“ Nils hatte Mukopolysaccharidose (MPS) Typ III. „Gehirn und Motorik funktionieren nicht mehr richtig. Die Organe vergrößern sich und die Gelenke versteifen“, beschreibt Carmen Kohlberger den Verlauf.

„Wenn ich Nils gewickelt oder ihm über seine Magensonde Flüssigkeit und Medikamente zugeführt habe, hat mir das nichts ausgemacht. Klar, es ist nicht das Angenehmste – aber Nils konnte ja nichts dafür. Und er brauchte Hilfe“, erklärt der 17-Jährige.

„Wir hatten viel Spaß, Nils war eine Frohnatur.“ Er hat viel mit ihm gesprochen. „Ich wusste nie, ob er mich wirklich hörte, oder mich erkannte, aber immer wenn ich ihn besucht habe, lächelte er. Dieses Lächeln – das war der Lohn für einfach alles.“

Michael erzählt viele Anekdoten: wie sich auf dem Rückweg von einem Ausflug in die Rhön beide – René und Nils – im Auto übergeben mussten – und „irgendwie alle herzhaft darüber lachen konnten“, berichtet er. Oder als Nils aus seinem Rollstuhl herausgehoben, die Musik laut aufgedreht wurde und sie zusammen tanzten. Dabei leuchten seine Augen ohne eine Spur von Traurigkeit.

Wenn er an den Tag zurückdenkt, an dem Nils gestorben ist, verändert sich seine Miene. Er wird nachdenklich. „Es war extrem hart. Aber... So komisch das klingt: Es war auch schön. Wir haben uns alle von ihm verabschieden können. Er war zu Hause, lag auf dem Sofa und sah ganz friedlich aus.“

Die enge Bindung zu Carmen Kohlberger besteht nach wie vor. Weiterhin Behinderte und Sterbende zu pflegen, kann sich der 17-Jährige vorstellen. „Aber nur im Ehrenamt.“ Beruflich interessiert er sich für das Thema Recht. „Ich überlege, nach meinem Fachabitur Rechtspflege zu studieren – mit dem Schwerpunkt Behindertenrecht.“