Kleiner Verein, große Wirkung: Bimbacher Organisation erhält Landesauszeichnung für Bürgerengagement

13. Januar 2018
Bimbach

Seit 1990 arbeitet der Verein „Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen“ mit Sitz in Bimbach mit dem Ziel, für Menschen mit und ohne Behinderung ein gemeinsames Leben und Lernen zu ermöglichen. Dafür sind 300 ehrenamtliche Betreuungskräfte im Einsatz. Für sein außerordentliches soziales Bürgerengagement wurde der Verein kürzlich mit einer Auszeichnung des Landes Hessen geehrt.

Sie lesen nachfolgend ein Interview des Landkreises Fulda mit Vereinsmitarbeiterin Jutta Stockhausen im Wortlaut.

Jutta Stockhausen berät seit zwölf Jahren für den Verein Klienten und übernimmt die Koordination der Ehrenamtlichen.

Erst einmal herzlichen Glückwunsch! Das ist eine schöne Anerkennung Ihrer Arbeit. Was bedeutet die Auszeichnung für den Verein?

Die Auszeichnung durch eine überregionale Stelle wie das Land Hessen und die Tatsache, unter einer beachtlichen Anzahl von Bewerbungen ausgewählt worden zu sein, ist für uns eine große Ehre. Besondere Bedeutung erhält dieser Preis vor allem dadurch, dass er auf politischer Ebene vergeben wurde. Dies bestärkt uns darin, immer wieder neue Ideen und Projekte zu entwickeln, um auch für die Politik als Interessenvertreter für Menschen mit Einschränkung weiterhin sichtbar zu bleiben.

Was ist denn der Familienunterstützende Dienst (FuD)?

Im Rahmen des FuD, dessen Träger der Verein seit 2001 ist, werden Menschen mit Beeinträchtigung stundenweise im häuslichen Umfeld von ehrenamtlichen Betreuern unterstützt. Dadurch können Hauptpflegepersonen für einige Stunden in der Woche Zeit zur Erholung, zur Pflege sozialer Kontakte, zur Erledigung privater Angelegenheiten oder zur Wahrnehmung eigener Interessen gewinnen. Letztlich möchten wir dazu beitragen, dass der Verbleib des Menschen mit Behinderung oder Pflegebedürftigkeit in seinem häuslichen Umfeld auch auf längere Sicht sichergestellt ist.

Wer sind die Betreuer?

Für den Einsatz stehen Kräfte unterschiedlicher Qualifikationen zur Verfügung: Sozialpädagogen, Erzieher, Ergotherapeuten, ausgebildete Pfleger, Studierende aus pädagogischen oder therapeutischen Bereichen. Aber auch Personen, die zwar fachfremd sind, aber auf eine jahrelange Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung zurückgreifen können.

Welche Aufgaben übernehmen die Betreuungskräfte?

Sie lesen ihren Klienten vor, gehen mit ihnen spazieren oder auch einkaufen, spielen mit ihnen oder hören gemeinsam Musik. Die jeweilige Einschränkung des Betroffenen bestimmt die Art und Weise der inhaltlichen Betreuung, wobei das Spektrum von der Förderung der Mobilität bis hin zu Konzentrations- und Gedächtnisübungen reicht. Wir decken aber auch den Bereich Hauswirtschaft ab.

Was zeichnet Ihre Betreuungskräfte aus?

Das Wichtigste, das sie mitbringen, ist Zeit und Flexibilität. In der Regel betreut ein FuD-Mitarbeiter bis zu vier Klienten, die sie im Schnitt an zwei halben Tagen pro Woche aufsucht – ohne finanziellen Mehraufwand auch in den Abendstunden und an den Wochenenden.

Was kostet eine solche Betreuung?

Die Beratung und Information der Betroffenen und Angehörigen ist bei uns immer kostenlos. Beim ersten Besuch in den Familien sprechen wir dann auch über die Finanzierung der Betreuung. In den meisten Fällen werden die Kosten von der Pflegekasse im Rahmen der Verhinderungspflege (1.612 Euro pro Jahr) und der zusätzlichen Betreuungsleistung (125 Euro pro Monat) übernommen. Aber auch andere Kostenträger können in Frage kommen. Bei der Antragstellung unterstützen wir die Klienten gerne und übernehmen auch die Abrechnung mit den Pflegekassen. Gerade dieses Gesamtpaket wird von den Betroffenen als sehr entlastend empfunden.

Was macht der Verein denn sonst noch so?

Unser Verein hat sich dem integrativen Gedanken verschrieben, daher engagieren wir uns in diesen Bereichen besonders stark. Unser Angebot reicht von pädagogisch qualifizierter Schulassistenz über integrative Workshops bis hin zu integrativen Ferienfreizeiten – auch in Kooperation mit dem Landkreis. Des Weiteren sind wir als Eigentümer des Hauses Arche Noah in Bimbach auch Vermieter von sechs Apartments für Menschen mit Beeinträchtigung.

Können Sie mal mit wenigen Worten beschreiben, was den Verein ausmacht?

Im Laufe meiner Tätigkeit im Verein habe ich feststellen können, wie unterschiedlich und oft auch speziell die Bedürfnisse der Menschen sind, die zu uns kommen. Als kleiner Verein mit ehrenamtlichen Betreuern haben wir bei manchen Dingen einen größeren Spielraum als manch andere große Organisation. Obwohl wir über 300 Menschen betreuen, besteht deshalb ein sehr flexibles und fast schon familiäres Umfeld für Klienten und Betreuer.

Was unternehmen Sie mit dem Preisgeld?

Eine Herzensangelegenheit sind uns integrative Projekte, besonders im Freizeitbereich. Es ist so wichtig, dass unsere Kinder und Jugendlichen miteinander aufwachsen, damit es später für sie einfach normal ist, anders zu sein. Wir werden das Geld also voraussichtlich dort investieren. An der Stelle möchten wir auch alle Interessierten ohne Behinderung einladen, mal bei uns reinzuschauen. Es lohnt sich!