Prozess um sexuellen Missbrauch von Enkeln: Widersprüche bei Zeugenaussagen

22. April 2017
Neuhof/Fulda

Fortsetzung im Prozess gegen einen 82-Jährigen: Während zwei Enkelinnen ihn des sexuellen Missbrauchs beschuldigen, beschreiben ihn zwei weitere Enkelinnen als liebenden Großvater.

Von unserem Redaktionsmitglied Sebastian Kircher

Der Rentner soll zwei seiner Enkelinnen, die zu Beginn im Grundschulalter waren, zwischen 1996 und 2006 mehr als 120-mal sexuell missbraucht haben. Seine älteste Tochter hält die Vorwürfe für haltlos: „Ich weiß nicht, wie meine Nichten auf die Idee kommen, so etwas zu behaupten. Da ist nie etwas passiert“, erklärte die 55-Jährige am Donnerstag vor dem Landgericht Fulda.

Ihre eigenen Kinder hätten sich immer darauf gefreut, die Großeltern zu besuchen. „Sie waren gern bei Opa und Oma“, ist sie überzeugt. Dass ihr Vater die Kinder mal umarmt oder auf den Schoss genommen habe, sei „doch ganz normal“. Allerdings lebt die Zeugin seit 30 Jahren in Rheinland-Pfalz und besuchte ihre Eltern in einem Neuhofer Ortsteil nur zwei- bis dreimal im Jahr.

„Badewannen-Vorfall“

Die mutmaßlichen Opfer hingegen lebten mit ihren Eltern und den Großeltern unter einem Dach. Dennoch kann sich die 55-Jährige nicht vorstellen, dass sich dort etwas ereignet hat: So hätten sich die vermeintlichen Opfer eigentlich immer freiwillig in der Wohnung der Großeltern aufgehalten. „Das macht man doch nicht, wenn man dort sexuell missbraucht worden ist.“

Laut Anklage begann der Missbrauch mit einem „Badewannen-Vorfall“: Der Großvater sei ins Badezimmer gekommen, als zwei seiner Enkelinnen – damals acht oder neun Jahre alt – ein Bad nahmen. Er soll sie dann auf die Toilette gesetzt und im Intimbereich angefasst haben. Eins der Mädchen, heute 28 Jahre alt, beschrieb den Vorfall am Donnerstag ganz anders.

Steckt Familienfehde hinter den Anschuldigungen?

„Opa hat uns lediglich die Füße geschrubbt, weil die vom Spielen im Garten pechschwarz waren. Da war nichts Sexuelles“, sagte sie. Das Verhalten ihres Großvaters sei nie seltsam oder ihr unangenehm gewesen. Die Vorwürfe, die ihre Cousinen erheben, bezeichnete sie als „Blödsinn“.

Das sieht auch ihre Schwester (22) so: „Ich habe nur positive Erinnerungen an meine Großeltern.“ Sie glaubt, dass eine Familienfehde hinter den Anschuldigungen stecke. Hintergrund ist, dass die Mutter der mutmaßlichen Opfer das Haus überschrieben bekommen und erweitert hat – nach der Trennung von ihrem Mann jedoch den Abtrag nicht mehr bezahlen konnte und es zwangsversteigert werden musste.

Gab es eine Schweigevereinbarung?

Ihre Tante und ihre Cousinen seien „schlechte Menschen“, sagte die 22-Jährige: „Sie sind schuld, dass Oma und Opa nicht mehr in dem Haus, das sie selbst aufgebaut haben, leben können.“ Auf den Einwand des Vorsitzenden Richters Joachim Becker, warum die Cousinen denn falsche Angaben machen sollten, hatte die 22-Jährige keine Antwort.

Überhaupt verstrickten sich die Zeugen öfter in Widersprüche, warfen Daten durcheinander oder konnten sich nicht entsinnen. Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken musste einige Male nachhaken und an die Wahrheitspflicht erinnern. Der Vater eines der mutmaßlichen Opfer wiederum behauptete, es habe eine Schweigevereinbarung innerhalb der Familie gegeben.

Die Missbrauchsfälle sollten vertuscht werden. Ihm sei gedroht worden, den Mund zu halten. Der Angeklagte selbst schweigt bisher zu den Vorwürfen. Der Prozess wird am Montag, 24. April, 10 Uhr, fortgesetzt. Hier lesen Sie mehr:


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