Teil 4: Zu seiner wahren Identität zurückkehren – mit Kundalini Yoga bei Annette Frankholz

03. November 2017
Künzell

Wer beim „Om“ zur Einstimmung auf die Yogaübungen schon mit den Augen rollt, der sollte erstmal Kundalini Yoga ausprobieren: Die sehr traditionelle Form des Yogas geht weit über den körperlichen Aspekt hinaus. Eine Stunde bei Annette Frankholz in Künzell ist wie eine Zeremonie für Körper und Geist.

Von unserem Redaktionsmitglied Josephin Chilinski

Die Stunde beginnt mit Mantrasingen. „Ong Namo Guru Dev Namo“, tönt es durch den Raum. Die Schüler sitzen in einem Kreis im Schneidersitz auf ihren Matten. Es ist dunkel. Nur Kerzen und das aus einem Nebenzimmer hereinfallende Licht erhellen den Raum. Dann legt Annette Frankholz Musik auf. Wir kreisen uns ein. Dazu lassen wir, immer noch auf der Matte sitzend, vor allem unseren Oberkörper kreisen. Das entspannt.

Nach einer kurzen Erwärmung geht es an die „Zehn-Körper-Serie“ – eine Übungsreihe („Krya“), bei der alle Chakren, die Energiezentren im Körper, durchgearbeitet werden. Neben dem physischen hat der Mensch noch neun weitere Körper, erklärt Frankholz: zum Beispiel die Aura, „positive“ und „negative Mind“ und die Bogenlinie, eine gedachte Linie von einem Ohrläppchen über das „dritte Auge“ – dem Punkt zwischen den Augenbrauen – zum anderen.

Frankholz baut zwischen die Übungen einen kurzen Theorieteil ein. Ab und zu liest sie dazu auch etwas vor. Im Praxisteil kommt man schnell ins Schwitzen. Anders als beispielsweise bei Sonnengrüßen bewegen sich die Teilnehmer hier dynamischer. Man verharrt nicht so lange in einer Position und führt jede Übung – ähnlich wie bei Gymnastik – in einem bestimmten Zeitraum aus.

Wir üben die „Waschmaschine“. Die Hände sind auf den Schultern, die Arme angewinkelt. Beim Einatmen drehen wir unseren Oberkörper nach rechts, beim Ausatmen nach links, erst langsam, dann immer schneller. „Beim Drehen nach links wird dem Herz mehr Raum gegeben“, weiß die Lehrerin. „Mit dem Drehen nach rechts wird die Leber mit frischem Blut versorgt.“ Begleitend dazu: der Atem.

Zwei Atemformen sind beim Kundalini Yoga gebräuchlich: der lange, tiefe Atem, bei dem sich Bauch und Brustkorb weiten, und der Feueratem, ein kräftigter „Blasebalg“-Atem. Bei diesem wird der Bauch in sehr kurzen Abständen nach außen gedrückt und mit gleicher Intensität wieder nach innen gezogen – am Anfang gar nicht so leicht. „Der Feueratem verhilft zu mehr Power bei anstrengenden Übungen“, erklärt Frankholz. „Babys atmen noch so. Wir haben es schon verlernt.“

Ein inneres Mantra hilft dabei, die Konzentration zu bündeln. „Beim Einatmen denken wir Sat, beim Ausatmen Nam“, ordnet die Lehrerin an. „Sat Nam“ bedeutet ungefähr so etwas wie „Mein Name ist Wahrheit“ oder „meine wahre Identität“. „Es steht für die Botschaft des Kundalinis, wonach wir Menschen spirituelle Wesen sind, die eine irdische Erfahrung machen“, sagt Frankholz.

Wie bei den anderen Yogastilen gehört auch ans Ende jeder Kundalini-Stunde eine ausgiebige, geführte Entspannung. Dabei brennen nur noch die Kerzen, sonst ist alles dunkel. Die Rollos sind unten. Es ist still. Mit der flüsternden Stimme der Lehrerin driften die Teilnehmer gedanklich ab – in einen Zustand absoluter Entspannung. Mit dem Gefühl, nicht nur etwas für meinen Körper, sondern vor allem etwas für meine Seele getan zu haben, wache ich wieder auf.

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„Kundalini Yoga ist 5000 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Nordindien“, berichtet Frankholz. „Der Begründer Yogi Bhajan überbrachte die alten indischen Lehren in den 60er Jahren in den Westen.“ Die vielen uralten Übungen eigneten sich besonders für moderne Menschen, die im Leben stehen. „Es verbindet alle Vorteile von Yoga, zum Beispiel Stressreduzierung und die Stärkung des Immunsystems.“

Laut der Lehrerin hält Kundalini Yoga gesund und jung. Es macht viel Spaß und ist sehr vielfältig. „Es gibt zahlreiche Kryas. Jede Stunde wird eine andere Übungsreihe angeleitet und dabei jeweils ein anderes Thema angesprochen“, so die 57-Jährige. Die Themen reichten von bestimmten Organen über die Stärkung des Immunsystems bis hin zu Toleranz oder Wohlstand. „Healthy, Happy, Holy: Gesund, glücklich, heilig. So definierte Yogi Bhajan die Lebensgrundrechte, die durch Kundalini Yoga gefördert werden.“

Zur Lehrerin: Annette Frankholz entdeckte Yoga im Jahr 2001 für sich. Seit zehn Jahren unterrichtet sie Kundalini Yoga. Die 57-Jährige, die in Künzell wohnt, ist außerdem die Mitorganisatorin des alljährlichen „Yoga im Park“ und des 40 Tage Yogas.

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