„Es ist sehr schwer, damit umzugehen“: Jugendpfarrer Renze zu den Missbrauchsvorwürfen

23.04.2016
Fulda

Jugendpfarrer Thomas Renze (36) ist geschockt angesichts der Missbrauchsvorwürfe gegen seinen Priesterkollegen Jens Clobes (36) aus Kalbach. Distanz und Nähe, Sensibilität und Reflexion sind für ihn die entscheidenden Aspekte für eine respektvolle Jugendarbeit – und das gesellschaftliche Miteinander schlechthin.

Von unserem Redaktionsmitglied Leoni Rehnert

Wie geht es Ihnen in diesen Tagen?
„Es ist ein Schock, es macht mich sehr nachdenklich. Es ist sehr schwer, damit umzugehen, wenn man nicht weiß, was genau geschehen ist. Aber natürlich ist es richtig, dass nicht alle Details sofort nach außen getragen werden – zum Schutz aller Beteiligten. Aber das macht es eben auch schwierig.“

Hatten Sie bereits Rückmeldungen? Haben die Jugendlichen Gesprächsbedarf?
„Ich persönlich bin bisher nicht von Jugendlichen angerufen worden, die darüber reden wollten. Aber das wird sicher noch geschehen. Vielleicht ist es auch die erste Schockphase, in der jeder erst einmal für sich sehen will oder muss, wie er damit klar kommen kann. Ich stehe auf jeden Fall für Gespräche zur Verfügung.“

Denken Sie, dass der Fall Auswirkungen auf die Jugendarbeit im Bistum haben wird?
„Mir tut es sehr leid für die Jugendlichen, die in der kirchlichen Jugendarbeit doch einen sicheren Ort haben sollen. Dafür arbeite und lebe ich. Wenn man nun so konkret erlebt, dass das nicht der Fall ist, dann ist das sehr schlimm. Generell hat das Thema sexueller Missbrauch bereits seit dem Jahr 2002, als die ersten Fälle in den USA bekannt geworden sind, die Jugendarbeit massiv verändert.“

Inwiefern?
„Seitdem gibt es Leitlinien für den Umgang mit Verdachtsfällen und zur Prävention. Seither ist dieses Thema ein fester Bestandteil in den Gruppenleiterkursen. Seit September 2014 haben an speziellen Schulungen etwa 800 ehrenamtliche Gruppenleiter teilgenommen. Und auch alle Hauptamtlichen durchlaufen zwölfstündige Schulungen. Dieses Thema ist ein fester und dauerhafter Bestandteil der Ausbildung.“

Um was geht es in den Schulungen?
„In der Hauptsache geht es darum, dass Gruppenleiter sensibilisiert werden, um sexualisierte Gewalt zu erkennen. Sie sollen Situationen einschätzen und Betroffenen helfen können. Und sie lernen außerdem die Wichtigkeit von Nähe-und- Distanz-Verhältnissen, also Grenzen der anvertrauten Kinder und Jugendlichen wahrzunehmen und zu achten. Das geschieht beispielsweise bei Übungen, in denen auch Körperkontakt stattfindet. Jeder darf und soll sagen, wenn er dabei nicht mitmachen möchte. Heute wird damit sehr bewusst umgegangen.“

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Viele jüngere Priester sind in ihren Gemeinden nah an Kindern und Jugendlichen, sind per Du, bei Festen dabei, wirken wie ein Kumpel. Ist das nicht tückisch?
„Wenn man leicht auf Menschen zugehen kann, dann ist das auf jeden Fall gut. Doch dabei muss man sich seiner Rolle als Erwachsener bewusst sein. Daher gilt es, die Grenzen auf beiden Seiten zu beachten – und die sind nicht starr. Deshalb erfordert es große Sensibilität, bei jedem Einzelnen wahrzunehmen, wo dessen jeweilige Grenze liegt. Außerdem muss man schauen, wie lange man sich kennt, wie fremd man sich ist, wie das Vertrauensverhältnis ist. Daran muss man sein Verhalten orientieren und immer wieder auf den Prüfstand stellen.“

Müssen Priester besonders vorsichtig sein, um nicht in einen falschen Verdacht zu geraten – als Folge eines lockeren, kumpelhaften Umgangs?
„Es ist nicht immer leicht, sich unbefangen zu verhalten. Aber auch hier gilt wieder, man muss sehr sensibel sein, Signale wahrnehmen und sein Verhalten reflektieren. Das ist der alles entscheidende Punkt, um den es sich immer wieder dreht.“

Wie würden Sie Grenzen für sich und Ihren Berufsstand beschreiben?
„Man kann es so formulieren: Alles, was ich tue, muss auch auf offener Bühne mit Publikum stattfinden können. Wenn ich davor keine Angst habe, dann ist das ein gutes Kriterium. Das gilt aber eigentlich für jeden Menschen.“

Was bedeutet der Fall wohl für den künftigen Pfarrer in Kalbach?
„In der Gemeinde ist sicher Vertrauen zerstört worden, das nur mit viel Geduld wieder wachsen kann. Und man muss es als Priester aushalten, dass einem ein gewisses Maß an Misstrauen entgegengebracht wird. Wichtig ist ein guter Umgang mit den Betroffenen und Opfern.“

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