20. Deutscher Präventionstag: Sozialarbeiter sollen Gewalt stoppen – Nutzen ungewiss

09. Juni 2015
Frankfurt

Rund sechs Millionen Straftaten verzeichnet die deutsche Kriminalstatistik für das vergangene Jahr. Manches davon könnte verhindert werden, glauben Experten. Bis zum heutigen Dienstag stellen bei dem 20. Deutschen Präventionstag rund 150 Initiativen vor, was sie tun, um Kriminalität vorzubeugen.

Präventionsprojekte gibt es unzählige, soviel ist nach dem Rundgang durch zwei Hallen mit Infoständen klar. Manche haben ein ganzes Maßnahmenbündel am Start.

Die Diakonie hat eine Drei-Zimmer-Wohnung nachgebaut. Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ tourt zurzeit durch die Frankfurter Stadtteile. Sie soll die Besucher sensibilisieren, dass häusliche Gewalt nach außen nicht sichtbar ist. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man die Hinweisschilder: Infos zu Kindesmissbrauch am Gitterbettchen, Fakten über Vergewaltigung in der Ehe am Bett im Schlafzimmer.

Über Nutzen von Präventionsmaßnahmen ist kaum etwas bekannt

Was solche Präventionsprojekte kosten und was sie am Ende bringen – das weiß keiner. In Deutschland werde nicht mal erfasst, welchen Schaden Kriminalität verursache, kritisiert Prof. Stephan Thomsen, Professor für Angewandte Wirtschaftspolitik in Hannover. Über Kosten und Nutzen von Präventionsmaßnahmen wisse man noch viel weniger. Bei anderen „sozialen Übeln“ werde deutlich besser hingeschaut: Über die Folgen des Rauchens und den Nutzen von Anti-Raucher-Kampagnen beispielsweise wisse man viel mehr als über die „immensen“ materiellen und immateriellen Schäden durch Verbrechen.

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen: Vorbeugen kann billiger sein als die Folgen der Kriminalität zu tragen, sagt Prof. Thomsen. Eine US-Studie habe ergeben, dass Investitionen in frühkindliche Bildung bei sozial schwachen Familien ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1:16 hatten. „Für jeden Dollar, den das Programm gekostet hat, hatte die Gesellschaft einen Nutzen von 16 Dollar“, sagt Thomsen – über elf Dollar entfielen auf die Verringerung der Kriminalität.

Coolness-Training für aggressive Jugendliche

Potenzielle Opfer aufzuklären, ist die eine Seite von Prävention. Potenzielle Täter davon abzuhalten, Straftaten zu begehen, die andere. Ein kleiner Verein aus Rheinland-Pfalz bietet „Anti-Aggressivitäts-“ und „Coolness-Trainings“ für gewalttätige Jugendliche an und bildet Jugendarbeiter als „Gewaltstopper“ aus.

Brandaktuelle Felder, in denen der Staat dringend vorbeugend tätig werden muss, werden nur am Rande thematisiert, etwa wie man Jugendliche erreicht, die von Salafisten für den „Heiligen Krieg“ angeworben werden. Dafür ist manch Kurioses zu entdecken, etwa ein „Verein zur Förderung der Methode Puppenspiel in der Kriminal- und Verkehrsprävention.“