Bauern trotzen SED-Propaganda – Aufstand vor 55 Jahren

11 ago 2016 / 17:34 H.
Hünfeld

Es ist ein einmaliger Fall: 1961, kurz vor dem Bau der Berliner Mauer, kommt es in Kranlucken im Grenzsperrgebiet zu einem Bauernaufstand. Die Gegenmaßnahmen des SED-Apparates treffen einen Bauern und seinen Sohn: Sie werden verhaftet, brutal zusammengeschlagen und mit vorgehaltener Waffe in den Westen gejagt.

„Schmutzfinken dorthin befördert, wo sie hingehören“: So heißt es in einem Propaganda-Flugblatt der SED vom August 1961, das sich heute im Archiv der Gedenkstätte Point Alpha befindet. Hermann Fink und Sohn Wilhelm seien „zwei unverbesserliche Faschisten und eingefleischte Handlanger für den Bonner Atomkriegsstaat“ gewesen, verkündete die SED.

Für Ricarda Steinbach, neue Direktorin der Point Alpha Stiftung, ist der Fall Fink wichtig: Denn er zeige den Druck, unter dem die Menschen im Grenzgebiet standen, und die Willkür der Behörden. Die Geschichte sei aber auch ein Beispiel für mutiges Aufbegehren.

Hermann Fink war als Bauer erfolgreich, sein Hof in Kranlucken ein Vorzeigebetrieb. Doch das passte nicht in die Pläne des SED-Staates. Die Genossen wollten die Bauern zu abhängigen Arbeitern großer landwirtschaftlicher Betriebe machen und propagierten den Beitritt zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG).

In Kranlucken aber fassen die Bauern Mut: Auf einen Schlag erklären 28 Kranluckener den Austritt aus der LPG, Landwirt Hermann Fink vorneweg. Die SED-Kreis- und Bezirksleitung sind geschockt. Weil sie einen Flächenbrand fürchten, drohen sie Männern. Doch das fruchtet nicht mehr: Die Landwirte haben einmal diesen Schritt gewagt, jetzt lassen sie sich nicht so leicht umstimmen.

Aber der Gegenschlag der Genossen kommt. Vor allem Hermann Fink und seinem 20-jährigen Sohn Wilhelm soll es an den Kragen gehen; der „unverbesserliche Faschist“ soll in die Westzone ausgewiesen werden. SED-Kreisleitung, Volkspolizei und Staatssicherheit planen die Vertreibung minutiös. Die gesamte Staatsmacht marschiert an der hessisch-thüringischen Grenze auf. Auf den 20-jährigen Wilhelm warten die Häscher an der Straße zwischen Kranlucken und Schleid, Hermann treffen sie zu Hause an. Beide werden auf Lastwagen geschafft, sie müssen die Papiere abgeben, werden verhört und schließlich zur Grenze gefahren. Beide wissen nicht, was mit ihnen geschieht, und die Stasi-Mitarbeiter reagieren brutal. Schwer zusammengeschlagen kommen Vater und Sohn an der Grenze an. Hermann Fink traut den Grenzposten alles zu. Er solle rückwärts laufen und den Polizisten nicht den Rücken zudrehen, ruft er seinem Sohn zu. Es soll später nicht so aussehen, als wären sie auf der Flucht erschossen worden.

Die zwei landen schließlich wirklich im Westen, gegen ihren Willen. Die Beamten beim Zoll in Tann können die Geschichte der Männer kaum glauben. Mit DDR-Flüchtlingen hatten sie es schon zu tun, nicht aber mit Ausgewiesenen. / sab

Mehr lesen Sie in der Freitagsausgabe der Fuldaer und Hünfelder Zeitung sowie im E-Paper.

Sie erreichen das
Service-Center der Fuldaer Zeitung
sowie der weiteren Veröffentlichungen des Verlags Parzeller unter folgenden Rufnummern:
Abo-Service: 0661 280 310
Anzeigenverkauf:

Die Kontaktdaten des Anzeigenverkaufs finden Sie hier.

Kleinanzeigen können Sie direkt hier aufgeben.

Sie erreichen die
Redaktion der Fuldaer Zeitung
unter folgenden Rufnummern:

Sekretariat Redaktion: 0661 280 304 oder 0661 280 305

Sekretariat Lokales: 0661 280 308

...sowie über die Email-Adressen und Kontaktformulare, die sie unter diesem Link finden.

Bei allen weiteren Fragen helfen Ihnen gerne die Mitarbeiter unserer Geschäftsstellen weiter. Infos zu Öffnungszeiten und weiteren Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.