„Politiker der alten Schule“: Erich Pipa als Main-Kinzig-Landrat verabschiedet

19. Juni 2017
Kinzigtal

Mehr als ein Jahrzehnt stand er an der Kreisspitze und polarisierte dabei zuweilen. Nun ist der Main-Kinzig-Landrat Pipa in den Ruhestand gegangen. Der SPD-Politiker wollte nach Todesdrohungen nicht weitermachen. Er feierte am Wochenende zwar doppelt, verabschiedete sich aber nicht ohne kritische Worte.

Wenn Erich Pipa nach Veranstaltungen das Festzelt verließ, nahm er nicht selten Bierdeckel mit. Der SPD-Politiker ist aber kein leidenschaftlicher Sammler der Untersetzer: „Ich habe mir darauf immer Wünsche, Anregungen und Telefonnummern der Menschen notiert, die ich getroffen habe.“

Der scheidende Landrat des Main-Kinzig-Kreises schwärmt: „Wildfremde Menschen treffen, mit vielen gleich per Du sein, das Bad in der Menge – habe ich immer gemocht.“ Bald wird es ruhiger werden im Leben des Vollblut-Politikers. Pipa – seit dem gestrigen Sonntag 69 Jahre alt – hatte am Samstag seinen letzten Arbeitstag – er geht in Ruhestand. Parteikollege Thorsten Stolz wird das Amt übernehmen.

Pipa sagt: „Man sollte gehen, wenn es die Bürger bedauern.“ Verabschiedet wurde der SPD-Mann am Samstag mit einer Veranstaltung des Chorverbands Main-Kinzig. Gesangsvereine sangen für ihn und seine Gäste, am Nachmittag gab es ein Fest für Alle, abends stand auch noch Samba auf dem Programm – auf Wunsch des Landrats.

Pipa bekam als Verwaltungschef von Hessens bevölkerungsreichstem Landkreis in den beiden vergangenen Jahren bundesweite Aufmerksamkeit, auf die er gern verzichtet hätte. Wegen seiner flüchtlingsfreundlichen Haltung erhielt er seit Sommer 2015 zahlreiche anonyme Schmähbriefe. Er wurde darin nicht nur übel beschimpft, sondern auch mit dem Tode bedroht. Die Schreiben stammen nach Ermittler-Angaben vermutlich von Rechtsextremisten.

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Auch die lange anhaltenden Bedrohungen führten dazu, dass der 68-Jährige nicht erneut als Landrat kandidieren wollte. „Ich habe mir gedacht, das tue ich mir nicht weiter an.“ Pipa ist enttäuscht, dass die Ermittler die Absender der Attacken bis heute nicht ausfindig machen konnten. „Mein Ziel war immer: Ich will diesen Menschen in die Augen schauen und ihnen mal ein paar Fragen stellen. Aber das klappt leider wohl nicht mehr.“

Gerührt war Pipa von der Anteilnahme: „Selbst Rentner haben mir kleine Geldscheine zukommen lassen – als Spende für die Belohnung zur Ergreifung der Täter.“ Was er auch bekam, war Polizeischutz bei einigen Veranstaltungen. „Das war anstrengend. Man ist angespannt, beobachtet ständig die Umgebung. Kein schönes Gefühl, um Leib und Leben bangen zu müssen.“

Sein 52 Jahre langes Berufsleben hat Pipa der Politik und Verwaltung gewidmet. Seit dem 18. Juni 2005 war er Landrat, davor 18 Jahre stellvertretender Landrat oder hauptamtlicher Kreisbeigeordneter. „Das politische Geschäft ist schon hart. Diese Intrigenspiele – jeder gegen jeden“, resümiert Pipa. Er wünscht sich auch mehr Format von den Politikern von morgen: „Einigen mangelt es an Lebens- und Berufserfahrung. Vom Kreißsaal in den Hörsaal und schon sind einige Minister. Auch deshalb herrscht Politikverdrossenheit.“

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Pipa wünscht sich in Deutschland einen Mentalitätswechsel in der Politik: „Es wird zu stark von oben nach unten regiert.“ Das sei in der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu beobachten gewesen. „Der Bund entscheidet, das Land gibt den Druck weiter und die Kommunen müssen die Sache ausbaden.“ Bund und Land sollten die Sorgen und Nöte der Kommunen besser begreifen.

Pipa hofft, dass sich auch künftig in der Kommunalpolitik ein starker Staat zeigt. „Wir müssen für eine verlässliche Infrastruktur verantwortlich bleiben. Für das Gesundheits- und Sozialwesen, für Bildung und Verkehr und vieles mehr. Wir sollten nichts privatisieren.“

Die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler hat Pipa als „Politiker der alten Schule“ erlebt. In der Sache könne man hart mit ihm streiten. „Das war nicht immer einfach mit ihm.“ Aber am Ende sei es immer eine respektvolle und verlässliche Zusammenarbeit gewesen. Pipa habe sich über Parteigrenzen hinweg oder auch mal trotz Gegenwinds aus der eigenen Partei für die erklärten Ziele eingesetzt. „Und zwar einzig und allein, um für die Bürger das Beste zu erreichen“, sagte Simmler.

Der Name Pipa werde immer verbunden bleiben mit seinem Engagement für den Breitbandausbau, die Krankenhausversorgung im Kreis und den Umgang mit Langzeitarbeitslosen. Der Grünen-Kreisbeigeordnete Matthias Zach beurteilt Pipa als „hervorragenden Ideengeber“ und „durchsetzungsstarken Macher“ mit „gutem politischen Riecher“.

Doch nun steht erstmal Privatleben statt Politik auf dem Programm. Pipa freut sich schon auf die ein oder andere Urlaubsreise: „Sri Lanka, Südafrika – oder auch mal nur in die Therme nach Bad Orb.“

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