Bankmitarbeiter der Sparkasse Oberhessen gesteht Untreue: „Ich kannte die Schwachstellen“

30. November 2017
Gießen

Mehrere Millionen Euro soll der Mann über verschleierte Wege auf eigene Konten überwiesen haben. Vor Gericht räumt er die Taten ein. Für die Richter bleiben dennoch Fragen offen.

Ein früherer Bankangestellter soll seinen Job ausgenutzt und jahrelang Geld für sich beiseite geschafft haben – insgesamt fast neun Millionen Euro. Der 44-Jährige steht nun seit Donnerstag wegen gewerbsmäßiger Untreue vor dem Landgericht Gießen. Er soll rund zehn Jahre lang Geld seines damaligen Arbeitgebers, der Sparkasse Oberhessen, abgezweigt und auf eigene Konten überwiesen haben. Dass er das so lange unbemerkt tun konnte, habe ihn selbst überrascht, sagte der geständige Angeklagte zu Beginn des Prozesses. Er habe jederzeit damit rechnen müssen, aufzufliegen.

Der Mann konnte aber laut Anklage von 2007 bis 2017 ungestört Gelder über Umwege auf eigene Konten überweisen. „Ich kannte die Schwachstellen“, sagte der 44-Jährige. Zwar gab es demnach ein Vier-Augen-Prinzip. Doch die Kollegen hätten aufgrund der Position des Angeklagten darauf vertraut, dass die Buchungen ihre Richtigkeit gehabt hätten, heißt es in der Anklageschrift.

Die heimliche Selbstbedienung war Anfang April aufgeflogen. Etwa vier Millionen Euro konnten die Ermittler bei dem 44-Jährigen sicherstellen. Da ein Teil der Taten bereits verjährt ist, geht es vor dem Landgericht nur noch um 4,3 Millionen Euro. Angefangen haben soll alles im Jahr 2007: „Hausbau, Geld fehlt, dann ging es los“, fasste der Vorsitzende Richter zusammen.

Das Geld soll der Angeklagte nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Wertpapiere für sich und seine Familie sowie Grundstücke gesteckt haben – und es für „sexuelle Dienstleistungen im SM-Bereich“ ausgegeben haben. Weitere Details zu den möglichen Motiven des Mannes wurden am ersten Prozesstag nicht bekannt. Für einen Teil seiner Aussage, in der es auch um eine mögliche Suchtproblematik gehen sollte, musste die Öffentlichkeit den Gerichtssaal verlassen. So solle die Privatsphäre des Angeklagten geschützt werden, erläuterte der Vorsitzende Richter.

Der Angeklagte zeigte sich vor Gericht offen und antwortete ohne Umschweife auf die Fragen des Vorsitzenden. So sagte er unter anderem, dass seine Kollegen „keine Chance“ gehabt hätten, sein Tun zu erkennen. Gleichwohl zeigte sich das Gericht verwundert darüber, dass die Taten so lange unbemerkt bleiben konnten: Wie er sich das erkläre, wollte der Vorsitzende wissen. „Ich weiß es nicht“, antwortete der Angeklagte.

Die Sparkasse Oberhessen lässt nach Angaben einer Sprecherin derweil „nichts unversucht“, das veruntreute Geld wieder zurückzubekommen. Weitere Angaben zu dem Fall machte sie mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht. Der Prozess wird fortgesetzt. / dpa