„Ein Irrsinn“: Vogelsberger Notarzt entrüstet über oft fehlende Rettungsgasse

18. Dezember 2017
Region

Es ist eines der Aufregerthemen auf Hessens Straßen: Immer wieder werden Einsatzkräfte auf dem Weg zum Unfallort aufgehalten. Das Problem mit der Rettungsgasse beschäftigt Verkehrsexperten, Politiker und Einsatzkräfte.

Wenn Notarzt Falk Stirkat zu Unfällen unterwegs ist, strapazieren Autofahrer auf verstopften Straßen nicht selten seine Nerven: „Ich muss den Ärger häufig herunterschlucken. Ein Irrsinn, wie sich viele Verkehrsteilnehmer verhalten. Es verstreicht wertvolle Zeit, weil keine Rettungsgasse für Einsatzfahrzeuge gebildet wird. Dabei zählt im Ringen um Leben und Tod jede Sekunde“, berichtet der Notfall-Mediziner aus dem Vogelsberg der Deutschen Presse-Agentur aus seinem Alltag. Stirkat (33) ist als leitender Notarzt in Hessen und Bayern tätig.

„Ich kam, sah und reanimierte“: Vogelsberger Notarzt plaudert aus Nähkästchen

Er präsentiert reale Einsätze, die aber in jeglicher Form verfremdet wurden. „Es ist keine Fortsetzung des Erstwerks, sondern viel mehr eine Ergänzung“, ist ihm wichtig. Doch dem Leser des ersten Buches wird auch im zweiten Werk die Motivation Stirkats zur Ersten Hilfe wiederbegegnen. „Es kommt auf die Ersthelfer an“, so seine Botschaft bereits im ersten Kapitel.

Das Ringen um die Rettungsgasse – es war eines der Aufregerthemen auf Hessens Straßen in diesem Jahr und bleibt weiter aktuell. Immer wieder beklagen Rettungskräfte das Fehlverhalten. Die Liste der Meldungen zu blockierten Rettungskräften ist lang. Manchmal wirkt die Szenerie gar grotesk: Anfang September stellten Autofahrer bei einem Unfall-Stau auf der A5 bei Frankfurt sogar Campingstühle in der Rettungsgasse auf.

Andere gingen mit Hunden Gassi und ließen ihre Autos unbesetzt zurück. Ein Taxifahrer folgte der Feuerwehr durch die Rettungsgasse, um schneller voranzukommen. Polizei und Feuerwehr sind manchmal sogar gezwungen, in entgegengesetzter Richtung an die Unfallstelle heranzufahren, weil ansonsten alles dicht ist.

Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) sagt: „Ich habe durchaus den Eindruck, dass das Thema „Rettungsgasse bilden!“ mittlerweile stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Und ich freue mich, dass die Medien durchgängig darauf hinweisen. Aber wir dürfen nicht nachlassen, daran zu arbeiten, dass das Bilden der Gasse so selbstverständlich wird, wie der Griff zum Anschnallgurt. Im Notfall können Sekunden Leben retten. Von einem Automatismus im Stau, eine Rettungsgasse zu bilden, sind wir noch ein Stück weit entfernt.“

„33 schwere Krankheiten, einfach erklärt“: Neues Buch von Vogelsberger Notarzt

Seit wenigen Tagen ist das neue Buch von Notarzt und Autor Falk Stirkat im Handel. Der im Vogelsbergkreis tätige Mediziner greift in seinem neuen Werk die einfache Erklärung von schweren Krankheiten auf. Der Titel lautet: „Was uns krank macht: 33 schwere Krankheiten, einfach erklärt“.

Notarzt Stirkat sagt: „Bei acht von zehn Einsatzfahrten gibt es Probleme mit der Rettungsgasse. Viele Autofahrer reagieren erst, wenn sie Blaulicht sehen oder ein Signalhorn hören – aber dann ist oft schon zu spät.“ Laut Straßenverkehrsordnung müssen sich schon bei zähfließendem Verkehr alle auf linken Spur nach links und alle anderen nach rechts orientieren.

Die Automobilverbände stellen den Fahrern ein schlechtes Zeugnis aus. „Es läuft nur vereinzelt besser mit dem Bilden der Rettungsgasse. In den meisten Fällen wird es nicht befolgt“, beobachtet Cornelius Blanke vom ADAC Hessen-Thüringen. Und auch Heiko Nickel vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Hessen sagt: „Es klappt in den seltensten Fällen. Alle müssen weiter über das Thema informieren.“

Die Politik hat bereits reagiert. Wer bei stockendem Verkehr etwa auf einer Autobahn keine Notgasse bildet, muss statt bisher 20 Euro künftig mindestens 200 Euro berappen – und im schwersten Fall bis zu 320 Euro verbunden mit einem Monat Fahrverbot. Der Bundesrat stimmte außerdem für einige Änderungen der Bundes-Verordnung. Demnach sollen generell mindestens 240 Euro und ein Monat Fahrverbot drohen, wenn Autofahrer Einsatzwagen mit Blaulicht und Einsatzhorn nicht sofort freie Bahn verschaffen – auch unabhängig von einer Rettungsgasse.

Angesichts der Vielzahl an Beschwerden von Einsatzkräften wirkt die Zahl der geahndeten Fälle gering. Im Jahr 2017 waren es 24, wie die Zentrale Bußgeldstelle nach Angaben des Regierungspräsidiums Kassel auf Anfrage mitteilte. In 20 Fällen kamen die Autofahrer nach der alten Regelung glimpflich davon, sie mussten nur 20 bis 40 Euro zahlen. In vier Fällen wurde nach der Reform hart durchgegriffen. Verkehrssünder mussten zwischen 200 und 240 Euro Bußgeld begleichen.

Was tun, damit es besser wird? Hessens Landesregierung informiert seit zwei Jahren mit Bannern, Handzetteln und Plakaten über die Notgasse. Notarzt Stirkat findet, dass gerade in einem Transitland wie Hessen deutlicher mit Schildern auf die Rettungsgassen-Pflicht hingewiesen werden müsse. Ohnehin tue die Politik noch zu wenig. Die Gesetzgebung gehe auch an der Realität vorbei. „Ich habe bei Einsatzfahrten Wichtigeres zu tun, als Kennzeichen zu notieren und das Fehlverhalten von Fahrern zu dokumentieren.“

Stirkat hat seine Erfahrungen aber in sein Buch einfließen lassen. Unter dem Titel „Ich kam, sah und reanimierte“ schildert er auf über 200 Seiten Notfälle, wie sie täglich in ganz Deutschland passieren – und was man daraus lernen kann. Er will aufrütteln und aufklären. Eine Unsitte ist für ihn auch das Verhalten von Schaulustigen. „Die Gaffer-Mentalität ist eine Katastrophe.“

Von Unfällen würden Fotos und Videos gemacht. „Da wird extra langsam vorbeigefahren, um zu knipsen und zu filmen – widerlich. Wenn man darauf hinweist, wird man noch angepöbelt.“ Nicht selten würden Rettungskräfte auch angegangen. Der ADAC beobachtet auch, dass Bergungsfahrzeuge im Stau nicht durchgelassen werden. „Dabei sollten alle bedenken: Wenn der Abschleppwagen nicht durchkommt, bleibt die Straße nicht befahrbar.“ / dpa