Freilassung der „Zehntausend“ vor 60 Jahren: Rhöner Spätheimkehrer berichtet am Herleshäuser Bahnhof

22. September 2015
Herleshausen

Zum 60. Jahrestag der Ankunft des ersten Spätheimkehrerzuges werden am Bahnhof im osthessischen Herleshausen (Werra-Meißner-Kreis) erstmals wieder die Türen des historischen Gebäudes geöffnet. Zudem wird Spätheimkehrer Adolf Kemper aus Gersfeld bei der Veranstaltung am 10. Oktober über seine Erinnerungen berichten.

Der im Sommer gegründete Verein „GrenzBahnhof für Zeitgeschichte Herleshausen“ stellt am zweiten Oktober-Wochenende sein Konzept vor. Im Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes soll eine Dauerausstellung entstehen, die an das Schicksal der Spätheimkehrer und ihrer Familien sowie die politischen Hintergründe erinnert, unter denen die Initiative des damaligen Bundeskanzlers Adenauer zur Freilassung der sogenannnten „Zehntausend“ aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft führte. Ab dem 7. Oktober 1955 kamen diese an.

Fast 8000 Kriegsgefangene betraten nach Angaben von Kristina Bayer vom Verein „GrenzBahnhof für Zeitgeschichte Herleshausen“ am Bahnhof Herleshausen nach Jahren der Entbehrung wieder heimatlichen Boden. Zehntausende Angehörige kamen in dieser Zeit in den Ort, um nach Vermissten zu suchen und auf deren Rückkehr zu warten. Am 16. Januar 1956 traf im Bahnhof Herleshausen der letzte Eisenbahntransport mit 602 Spätheimkehrern aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft ein.

Einen lebendigen Eindruck von dieser Zeit, in der Herleshausen „zum Mittelpunkt Deutschlands“ wurde, geben unter anderem die Aufzeichnungen der damaligen Rotkreuzleiterin Ingeborg Riebe, die für die logistische Meisterleistung der Versorgung der Ankommenden und ihrer Angehörigen später das Bundesverdienstkreuz erhielt.

Elfjährige begegnete in Herleshausen erstmals ihrem Vater

Film- und Fotodokumentationen zum Thema wird der Verein im Rahmen seiner ersten Ausstellung am 10. und 11. Oktober zwischen 11 und 18 Uhr im ehemaligen Wartesaal des Bahnhofsgebäudes präsentieren. Am Samstag werden Vereinsmitglieder ihr Konzept zur weiteren Gestaltung des Bahnhofsgebäudes erläutern.

Am Sonntag wird um 11.15 Uhr der Kirchspielgottesdienst im ehemaligen Wartesaal stattfinden. Die Predigt wird Prädikant Wolf-Arthur Kalden aus Wanfried halten, dessen eigener Vater als Spätheimkehrer in Herleshausen angekommen ist. Anschließend gibt es einen Mittagsimbiss.

Um 14 Uhr werden die Spätheimkehrer Werner Minkenberg aus Bebra und Adolf Kemper aus Gersfeld über ihre Erinnerungen berichten und für Fragen zur Verfügung stehen. Sibyl Knickenberg aus Münster, die als damals Elfjährige ihren Vater am Bahnhof Herleshausen erstmals begegnete, wird aus der Perspektive einer Angehörigen ihre Eindrücke wiedergeben, die sie ihr Leben lang begleiten.

Die Veranstalter bitten diejenigen, die sich an die Ankunft der Spätheimkehrerzüge erinnern können und persönliche Erinnerungsstücke, Fotos oder Aufzeichnungen zu Hause aufbewahren, diese mitzubringen. Es wird eine freie Wand zur Verfügung stehen, an denen Dokumente für den Tag der Ausstellung angebracht werden können. / FZ, sar