Die neue Sandkirchenglocke im Beisein vieler Gemeindeglieder feierlich gegossen

11.06.2016
schlitz

Am vergangenen Dienstag wurde in Sinn von der Gießerei Rincker in einem feierlichen Akt die neue Glocke für unsere Sandkirche gegossen. 45 Gemeindemitglieder hatten sich unter Führung von Pfarrer Siegfried Schmidt auf den Weg gemacht um Zeugen dieses besonderen Ereignisses zu sein. Ein Besuch des Glockenmuseums in der Burg Greifenstein rundete die Tagesfahrt ab.

Von unserem Mitarbeiter Volker Puthz

Sehr alte Mitbürger können sich noch daran erinnern, dass in der Sandkirche immer eine Glocke gehangen hat, die bei Beerdigungen die Verstorbenen zum Grab geleitete. Aber das ist nun schon mehr als fünfzig Jahre her. Im Zusammenhang mit der 400-Jahrfeier unserer Sandkirche tauchte vor wenigen Jahren die Frage auf, was denn aus der alten Sandkirchenglocke geworden sei. Die Vermutung, man habe sie im Zuge der Glockeneinsammlung in den Vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auch entfernt, erwies sich als unrichtig. Vielmehr soll sie – wohl aufgrund von Schäden – einen unzumutbaren Klang abgegeben haben, weshalb man sie nicht mehr läuten ließ.

Zusammen mit unserem Bauingenieur Hahn wurde 2012 eine Inspektion des Bodenraums der alten Kirche vorgenommen, und siehe da: dort oben waren ein Glockenstuhl und die alte Glocke von 1788 noch vorhanden. Sie wurde abgenommen und in einem langwierigen Verfahren untersucht, ob sich eine Restaurierung dieser historischen Glocke lohnen könnte. Sogar der Glockensachverständige der evangelischen Kirche von Hessen- Nassau kam zu einem negativen Urteil, und so war es denn klar: wir brauchen eine neue Glocke.

Erfreuliches Echo auf Spendenaufruf

Denn davon waren alle überzeugt: Die vor über vierhundert Jahren mit Spenden der Bürger (also nicht der Adelsfamilie) errichtete Sandkirche braucht auch eine eigene funktionsfähige Glocke, wie sie sie Hunderte von Jahren besessen hat (übrigens: mehrere nacheinander).

Der Spendenaufruf zur Finanzierung stieß bei der Gemeinde auf erfreuliches Echo. Und so sind in den letzten Jahren rund 16.500 Euro zusammengekommen, die ausreichen sollten, sowohl eine neue Glocke als auch die damit verbundenen technischen Einrichtungen (Glockenstuhl, elektronische Handhabung usw.) zu finanzieren. Pfarrer Schmidt dankte in diesem Zusammenhang während der Fahrt allen, die dazu beigetragen haben, und kündigte an, eine Tafel mit den Namen von Spendern anfertigen zu lassen.

Glockenguss

Eine von wenigen Glockengießereien in Deutschland

Am 7. Juni dieses Jahres war es nun so weit. In Sinn, dem Heimatort der Glockengießerei Rincker, sollte der Guss der neuen Glocke im Beisein von interessierten Gemeindemitgliedern erfolgen. Die Einladung zu einer entsprechenden „Exkursion“ stieß auf großes Echo, und so konnte am genannten Tag ein voller Bus die Reise nach Sinn antreten.

Die Glocken- und Kunstgießerei Rincker gehört zu den wenigen Glockengießereien, die es heute noch in Deutschland gibt, es sind nur noch fünf. Ihre Wurzeln reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, heute betreibt die 13. Generation dies ehrwürdige Handwerk. Nach schwierigem Neuanfang hat die Gießerei seit 1950 bis heute Tausende neuer Glocken gegossen. Einen Höhepunkt stellt das sechstimmige Geläut der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche dar.

Heute muss die Glocke werde! Frisch, Gesellen, seid zur Hand!

Als die Schlitzer Glockenfreunde in der Gießerei eintrafen, war dort schon alles vorbereitet. Pfarrer Schmidt teilte mit, dass die neue Glocke die Aufschrift: Glaube, Hoffnung, Liebe tragen werde. Er knüpfte an den 150. Psalm an, in dem es heißt: Lobet Gott in seinem Heiligtum..., lobt ihn mit Posaunen, mit Psalter und Harfen, mit Pauken, Saiten und Pfeifen...- und auch mit Glocken! Nach einem Gebet konnte dann der feierliche Akt beginnen. Zwei Mitarbeiter der Gießerei brachten das auf über 1100 Grad Celsius erhitzte Metall (78% Kupfer, 22% Zinn) in einem Gießgefäss herbei und füllten die aufgebaute Form. Das war durchaus kein spektakulärer Akt, aber doch die Geburtsstunde unserer neuen Glocke.

Glockenguss

Anschließend gab Hanns-Martin Rincker, einer der beiden Gebrüder-Chefs, in einem kurzweiligen Vortrag grundlegende Informationen zur Geschichte der Glocken, zum Guss, zum Klang und zu den Leistungen der Firma Rincker.

Sie liefert in alle Welt, bis China (Deutsche Botschaft) und Korea, jüngst hat sie eine Glocke von viereinhalb Tonnen Gewicht für Flörsheim gegossen. Auch stammen die Bundesadler der Regierungsministerien von ihr. Übrigens hat jedes Ministerium einen individuell verschiedenen Adler. Was auch nicht jeder wusste: Die während des 2. Weltkrieges eingesammelten Glocken konnten gar nicht sinnvoll für Rüstungszwecke verwendet werden, weil die Trennung der Legierungen in ihre Bestandteile viel zu aufwändig war.

Bis die Glocke sich verkühlet, lasst die strenge Arbeit ruhn.

Christian Rincker, der die 14. Generation der Familie vertritt, machte dann in einem anschaulichen Vortrag an verschiedenen Modellen klar, wie viele Arbeitsschritte erforderlich sind, bevor der Glockenguss dann den Endpunkt bildet. Dabei spielen Holzschablonen, lufttrockene Lehmsteine, Getreidegrannen, Wachs und Zierlehm eine Rolle. Besondere Aufmerksamkeit wird den einzelnen Trocknungsprozessen gewidmet, bevor der eigentliche Guss erfolgt. Die Glocke ist dann aber noch nicht „fertig“. Sie muss noch akustisch nachbearbeitet werden, wobei Sechszehntel-Tonbereiche eine Rolle spielen.

Nach so viel Information und Anschauung knurrte der Magen, den man anschließend nahe der Burg Greifenstein in einer Gaststätte hoch über dem Dill-Tal füllen konnte. Danach ging’s weiter zu der genannten Burg, die heute u. a. das Deutsche Glockenmuseum beherbergt. Die Burg bildet die bedeutendste Wehranlage des Westerwaldes, sie liegt auf einem hohen Bergrücken über dem Dilltal. Mehrfach zerstört, verfallen und wieder aufgebaut überrascht sie durch ihre ungewöhnliche Ausdehnung. Vor allem fallen ihre von weit sichtbaren hohen runden Burgtürme mit vorkragenden Wehrgangobergeschossen auf.

Glockenguss

Glockenmuseum und zwei Kirchen

Im Bollwerk Rossmühle konnte man eine Sammlung von etwa 50 Glocken aus allen Jahrhunderten bewundern – und auch zum Klingen bringen. Besonderes Interesse verdiente auch die ehemalige Burg- oder Schlosskirche. Es handelt sich hier nämlich um zwei Kirchen übereinander! Auf die spätmittelalterliche Burgkapelle aus dem 15. Jahrhundert wurde Ende des 17. Jahrhunderts eine barocke Saalkirche mit viel Stuck, Ornamenten und Bibelsprüchen in den Kartuschen der Emporen aufgesetzt (gewissermaßen als 1. Obergeschoss).

Gesehen und erlebt hatte man an diesem schönen Sommertag genug. Nun freut man sich schon darauf, die Glocke hoffentlich bald in Schlitz zu haben und dann Schillers Feststellung mittragen zu können: Ernst begleiten ihre Trauerschläge einen Wandrer auf dem letzten Wege.

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