Shakespeares sei Dank: Drei Sommernächte dürfen die Theaterbesucher in Schlitz träumen

05. September 2016
Schlitz

Was kann es Schöneres geben als einen Sommer, der mit drei Theaternächten zu Ende geht? Möglich machen es wieder die Unermüdlichen der Schlitzer Theatergruppe, die uns schon mehrere Jahre mit herzerfrischenden Inszenierungen klassischer Stücke erfreut haben. Diesmal ist es Shakespeares „Sommernachtstraum“, der vom 3.- 5. September am Schloss Hallenburg zur Aufführung kommt.

Von unserem Mitarbeiter Volker Puthz

Dies ist ein Vorbericht von der Generalprobe am Donnerstagabend, ein Vorbericht, der auch noch den letzten Schlitzer Bürger aus dem Häuschen locken soll, sich Samstag oder Sonntag diesen kulturellen Leckerbissen nicht entgehen zu lassen. Die Werbetrommel kann gar nicht genug gerührt werden – JW hat sie ja nun schon wiederholt geschlagen. Hier wollen wir aber nun auch noch etwas zum Stück selbst und dann zu den erwartenden Höhepunkten der Schlitzer Aufführung sagen.

Im Prinzip ist die Sache ganz einfach: es handelt sich beim „Sommernachtstraum“ um die Hochzeit eines Herrscherpaares und den damit verbundenen Umständen. Damit wären wir eigentlich beim Rein-Konventionellen. Wären da nicht die verschiedenen Personenkreise (vier), ihre unterschiedlichen Lebens- und Sprechweisen und deren kunterbunte Verschränkungen. Und die dazugehörigen vier Handlungsstränge. Nicht zu vergessen: Mond, Nacht und Wald, das Unwirkliche.

Da haben wir zuerst einmal die sagenhafte höfische Welt Athens, verkörpert durch den Herzog Theseus und seine Braut Hippolyta (Stichwort: Herrscherhochzeit). Sodann den Athener Bürger Egeus und seine Tochter Hermia nebst deren zwei Liebhaber Lysander und Demetrius, zu denen sich noch eine weitere junge Frau, Helena, gesellt (Stichwort: Liebeswirren, cosi fan tutte).

Die Kontrastwelt bildet sodann eine Schar von Handwerkern, die für die Hochzeit des athenischen Herrscherpaares ein Theaterstück aufführen wollen mit dem hohen Titel „Die höchst jammervolle Komödie und der höchst grausame Tod von Pyramus und Thisbe“ (Stichwort: Parodie auf die seinerzeit überall gespielten Tragödien).

Und damit nicht genug: Es kommt noch ein vierter Personenkreis hinzu, dieser nun ganz aus der Feen- und Elfenwelt: das seit längerer Zeit im Streit liegende Königspaar Oberon und Titania mit Oberons koboldhaftem Diener Puck (bei Shakespeare: Droll) (Stichwort: Intrigen der Feenwelt).

Man ahnt es schon: hier wird es zu Verwechslungen kommen, hier wird ein Spiel von Verwirrung und von Entwirrung entstehen, Personen und Welten wirbeln durcheinander. Und der Grundton, auf dem sich alles begibt, ist die Liebe.

Mit all diesen Elementen wird hier genial gespielt: Ehebruch, Liebesraserei, Verzauberung, Verwandlung, Blindheit der Liebe („Die Königin liebt jetzt ein Menschenvieh“, den eselköpfigen Weber Zettel). „Die Phantasie treibt Blüten, fabuliert mehr als ein klarer Kopf verstehen kann. Verrückte, Dichter, Liebende bestehen schlichtweg aus Einbildung“, so Shakespeare selbst dazu.

Und wie geht die Sache aus? Man ahnt es schon von Anfang an: Ende gut, alles gut. Die Verwirrungen werden entwirrt, Glück und Harmonie kehren ein. Wer sich aber von diesem Happy-End nicht täuschen lässt, wird vielleicht auch den bitteren Ton spüren, der in diesem Hochzeitsspiel mitklingt. Liebe ist Narrheit (folly), sie befällt Sterbliche und auch Unsterbliche wie eine Krankheit. Das Glück der Liebe ist „wie Schatten wandelbar, wie Träume kurz (shift as a shadow, short as any dream)“.

Hinweisen wollen wir noch auf die besondere Rolle des Puck (er wurde hier vor 67 Jahren von der später berühmten Gisela Stein verkörpert). Als besonderer Nebenrollen- Star des Stückes narrt er auf eigene und auf seines Herren Oberons Rechnung Mensch und Elfen: „Gehen die Dinge kraus und bunt, freu‘ ich mich von Herzensgrund“. Er ist der wahre Verursacher der Verwirrungen im Wald von Athen. Wir lieben ihn, weil er uns das Törichte charmant in Liebeswert- Gutes verzaubert.

Dreiundzwanzig von der Muse geküsste Schlitzer Bürger spielen in märchenhafter Atmosphäre

Die Schlitzer Theatertruppe, neben alten Hasen sechs neue Mimen, agieren auf einer Bühne direkt neben Schloss Hallenburg, angelehnt an eine der alten Platanen, im Hintergrund Baumgebüsch, das verschiedenfarbig angestrahlt wird und damit eine märchenhafte Atmosphäre vermittelt. Einen schöneren Ort für das nächtliche Verwirrspiel kann man sich gar nicht denken.

Vorhang gibt’s nicht, die Bühne liegt frei vor aller Augen, der Zuschauer wird eingestimmt mit dem Schlager: Ich tanze mit dir in den Himmel hinein. Und das folgt ja nun auch. Die verschiedenen Paare treten auf, geben jeweils kund, was da abgeht oder abgehen soll (siehe oben).

Neben den hohen Herrschaften und ihren Problemen (Hochzeit, Eifersucht usw.) bildet die Handwerkertruppe den zentralen Höhepunkt. Köstlich die Thisbe (Reiner Riek) und der bedeutungsvoll-eitle Zettel (Dr. Boettcher), hervorragend schusselig (jedenfalls in der Generalprobe) Schreiner Schnock (Werner Pflanz) in seiner Doppelrolle als Löwe und Mondschein – was man ja auch mal durcheinanderbringen kann. Herausragend der quirlige Puck (Norbert Geßner), auch Hermia (Susanne Scheuls-Richter) in ihren temperamentvollen Ausbrüchen. Titania (Ute Gutermuth-Jörns) lässt ihre weiblichen Leidenschaften blitzen, und die Liebhaber Lysander (Sebastian Wendt) und Demetrius (Jan Lips) überzeugen mit ihren Schwüren. Natürlich fehlen auch nicht besondere Schmankerl (Einlagen mit Schlitzer Platt und „Athener Alt(bier)“, und Hermia (Jana Heil) singt ein englisches Lied). Und die (größere) Hermia schimpft die (kleinere) Helena „Bohnenstange“.

Weil alle Darsteller – darunter übrigens die komplette Wildner-Familie – im Grunde „Handwerker“ sind, gewinnt dieser „Sommernachtstraum“ besondere Reize, die sich keiner entgehen lassen sollte: auf, auf also, wer’s noch nicht gesehen hat!