Vom Junkie zum Ironman: Niedrig spricht in Fulda
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Fulda
Andreas Niedrig zählte zu den besten Triathleten Deutschlands. Der einstige Drogenabhängige hält heute um 18 Uhr in der Fuldaer Münsterfeldhalle einen Motivationsvortrag. Wir haben zuvor mit Niedrig über sein Leben gesprochen.
Der gebürtige Recklinghäuser Andreas Niedrig zählte in den 90er Jahren zu den besten Triathleten des Landes, trat für die Nationalmannschaft in verschiedenen Wettbewerben an und hat dreimal den Ironman auf Hawaii absolviert. In seinem 2000 erschienenen Buch "Vom Junkie zum Ironman" beschreibt der 44-Jährige, dass er zwischen 1980 und 1989 schwer drogenabhängig war, sich zu einer Langzeittherapie durchrang, eine Umschulung machte und sein Leben völlig umkrempelte. Seit 1993 ist er Hochleistungssportler. Im Jahr 2008 kam sein autobiographischer Film "Lauf um dein Leben" in die Kinos.
Frage: Hätten Sie ohne Ihre persönliche Vorgeschichte die Karriere machen können, die Sie bis in die absolute Weltspitze der Triathlonszene getragen hat?
Niedrig: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Fakt ist, dass ich schon als Jugendlicher ein sehr guter Schwimmer war. Allerdings war ich damals im mentalen Bereich noch nicht so weit, wie ich es als Erwachsener jetzt bin. Sicherlich hat meine Drogengeschichte - eine Erfahrung, die ich keinem wünsche - meine Persönlichkeit geprägt. Ich lebe nach dieser Zeit wesentlich bewusster.
Frage: Gab es ein bestimmtes Schlüsselerlebnis, die Nadel beiseite zu legen und die Laufschuhe anzuziehen?
Niedrig: Ein bestimmtes Schlüsselerlebnis hat es nicht gegeben, aber einige Mosaiksteinchen. Hierzu eine kleine Anekdote. Als ich meine Drogentherapie begonnen habe, hatte ich 78 Kilo auf die Waage gebracht, danach 91 Kilo. Zudem habe ich in dieser Zeit sehr viel geraucht. Ich hatte damals in einem Haus im dritten Stock gewohnt, war nicht in der Lage, einen Sprudelkasten ohne abzusetzen, nach oben zu bringen. Eine Mitbewohnerin von etwa 70 Jahren hat das mitbekommen und mir, der ich viel jünger war, Hilfe angeboten. Das war für mich auch ein Auslöser, etwas zu ändern. Danach fing ich mit dem Laufsport an.
Frage: Hat sich in Ihrer Lebensweise etwas geändert? Und wie sind Sie anschließend zum Triathlon gekommen?
Niedrig: Durch das Laufen haben sich viele Dinge verändert, die ich bewusst gar nicht wahrgenommen habe. Ich rauchte immer weniger, trank mehr Wasser, aß plötzlich Obst und spürte mich und meinen Körper auf einer ganz anderen, mir bis dahin unbekannten Weise.
Neben dem Laufen fing ich an, Gymnastik zu machen, später kamen auch Trainingseinheiten mit Koordinationsübungen dazu. Jahr für Jahr lernte ich mich, meinen Körper und vor allem meine Bedürfnisse immer besser kennen. Anfangs schienen Laufstrecken von fünf Kilometern noch unüberwindbar. Aber je regelmäßiger ich lief, desto länger wurden die Strecken. So kam ich zu meinem ersten Marathonlauf. Wenige Monate zuvor hätte ich mir niemals zugetraut, eine solche Strecke auch nur ansatzweise bewältigen zu können.
Anfangs war ich noch auf der Olympischen Distanz zuhause: 1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren, 10 km Laufen. Ich hätte am Anfang auch niemals geglaubt, eines Tages einmal ein Ironman-Rennen (3,8 km, 180 km, 42 km) absolvieren zu können. Aber es kam, wie es kommen musste: Nach dem ersten Ironman-Rennen waren die Olympischen Distanzen gefühlte Kurzstrecken. Mein Trainingspensum allein beim Radfahren lag zu diesem Zeitpunkt zwischen 20.000 und 25.000 Kilometern im Jahr; über einen Zeitraum von fast acht Jahren.
Frage: Welcher beruflichen Tätigkeit sind Sie vor Ihrer Zeit als Leistungssportler, Vortragsreisender und Buchautor nachgegangen?
Niedrig: Ich hatte vorher viele Ausbildungen abgebrochen, während der Umschulung habe ich dann den Beruf des Orthopädiemechanikers gelernt.
Frage: Können Alltagsprobleme während des Laufens besser verarbeitet werden?
Niedrig: Auf alle Fälle. Wir leben in einer Multi-Tasking-Zeit, müssen viele Dinge gleichzeitig machen, sind stets im Beruf gefordert. Beim Laufen haben wir die Möglichkeit, bei uns selbst zu sein, zu uns selbst zu finden, über die Welt nachzudenken, eben alles auf den Punkt zu bringen.
Frage: Sie waren kürzlich in Slowenien unterwegs. An welcher Veranstaltung nahmen Sie dort teil?
Niedrig: Ich habe da an einem Rennen teilgenommen, das uns rund um die Grenzen des Landes führt. Insgesamt führt die Strecke über 1.180 Kilometer. Der letztjährige Sieger benötigte 1 Stunde und 17 Minuten. Ich hoffe, dies in knapp zwei Tagen zu schaffen. Dabei sitze ich die ganze Zeit auf dem Rad, werde allerdings von einem Begleitfahrzeug, von dem mir Wasser und Nahrung gereicht werden, unterstützt. Die letzten sechs Wochen habe ich mich darauf vorbereitet. Es kommt mir dabei nicht darauf an, ganz vorne zu landen. Vielmehr ist das Teamerlebnis entscheidend.
Frage: Wie hoch ist der Trainingsumfang, den Sie heute noch betreiben?
Niedrig: 2009 habe ich auf Hawaii meinen letzten Wettkampf als Profi bestritten. Durch meine vielfältigen Tätigkeiten kann ich nur noch wenig trainieren.
Frage: Was sind die nächsten sportlichen Ziele?
Niedrig: Nach diesem Rennen in Slowenien werde ich am 18. August am Inseltriathlon in Norderney teilnehmen, dessen Schirmherr ich bin. Das ist nur ein Sprinttriathlon (500 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren, 5 Kilometer Laufen). Leider bin ich eine Art "Dieselmotor". Das heißt, wenn dieses kurze Rennen schon fast zu Ende ist, komme ich erst auf Touren.
Frage: Am 16. Mai werden Sie um 18 Uhr in der Fuldaer Münsterfeldhalle einen Motivationsvortrag mit dem Thema "Wer sagt, dass das Leben immer leicht sein muss?" halten. Was möchten Sie den Zuhörern bei diesem Vortrag mit auf den Weg geben?
Niedrig: Mentale Fitness ist etwas, das ich nie gezielt trainiert habe, aber unbewusst doch immer wieder nutze und heute tagtäglich lebe. Wenn es mir in einer Situation nicht gut geht oder ich merke, dass etwas schwierig wird, versuche ich mir vorzustellen, wie es sein könnte, wenn ich diese Situation trotz allem meistere. Ich versuche mir aber auch vorzustellen, wie ich mich fühle, wenn ich aufhöre, daran zu glauben, dass ich es schaffen könnte.
Gerade bei körperlichen Anstrengungen, bei denen es in Grenzbereiche hinein geht, versuche ich mir immer positive Bilder ins Gedächtnis zu rufen. Ich stelle mir aber auch vor, welch ein super geniales Gefühl es sein wird, wenn ich das Ziel erreiche. Das müssen nicht immer die ganz großen Ziele sein, die Spaß bereiten, denn die kann man ja nicht jeden Tag erreichen.
Frage: Können Sie uns Ihre persönliche Formel zum Glück verraten?
Niedrig: Gerade die kleinen Dinge des Alltags können und sollen motivieren. Es kann und sollte auch ein Ziel sein, sich mehr Zeit für sich selbst, die Familie und seine Freunde zu nehmen. Ein gemeinsames Spiel mit den Kindern oder die Freude meiner Frau, wenn ich Ihr einen Blumenstrauß schenke, können uns motivieren. Das Leben ist eine Wundertüte. Daraus ergeben sich immer wieder Möglichkeiten, sich zu entwickeln und neue Dinge auszuprobieren. Ich glaube aber, dass wir Einfluss darauf haben, welche Dinge sich in welcher Form in unserer Wundertüte befinden und was wir daraus machen. Greifen Sie hinein, schauen Sie, was Sie herausholen und entscheiden Sie, was Sie damit anstellen wollen. Ich glaube, dass wir nicht zuschauen sollten, wie unser Leben verläuft.
Wir selbst haben es jeden Tag aufs Neue in der Hand, ob und wann sich etwas in unserem Leben tut oder verändert. Ein für mich ganz entscheidender Punkt, der bei mir vor allem steht, ist meine Gesundheit. Da ich durch meine Drogenabhängigkeit in jungen Jahren erlebt habe, was es bedeuten kann, aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr am Leben teilnehmen zu können, kann ich heute nur eines sagen: Unser Leben ist wundervoll und voller Möglichkeiten.

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