Silvesterpredigt von Bischof Algermissen: Die Zuversicht des christlichen Glaubens trägt in der Not

31. Dezember 2015

Lesen Sie hier die gesamte Silvesterpredigt von Bischof Heinz Josef Algermissen im Wortlaut.

„Ein Volk ohne Gott gleicht einer hohlen Fassade ohne Kern. Der Schritt von einer geistig-geistlich entkernten Gesellschaft zum gewissenlosen Menschen, der keine innere Verpflichtung mehr spürt, ist nicht weit; zum apathischen Menschen, dem das geistliche Rückgrat gebrochen wurde, oder gar zum aggressiven Menschen, der für Ideologien anfällig wird und seine geistige Not an anderen abreagiert.“ Dies gab der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen am Donnerstag in seiner Silvesterpredigt im Fuldaer Dom zu bedenken. In einem Pontifikalamt zum Jahresschluss betonte der Oberhirte, dass sich die Weihnachtsbotschaft auf diesem dunklen Hintergrund neu entdecken lasse: „Gott kommt in unser Menschenleben mit all seinem Auf und Ab; das Licht durchbricht die Finsternis; mitten in der Kälte blüht eine Rose auf.“ Aus dieser tragenden Zuversicht könnten Christen selbst in Notsituationen bestehen, in Krankenhäusern und Sterbehospizen, in Gefängnissen oder angesichts des Todes eines lieben Menschen.

Zu allen Zeiten falle den Menschen der Glaube schwer, dass Gottes Sohn Fleisch angenommen hatte durch den Heiligen Geist und geboren wurde von der Jungfrau Maria, dass er das Kreuz auf Golgota und nicht die Schaltzentrale der irdischen Macht erwählte. „Wie sollte in den unermesslichen Räumen des Kosmos ausgerechnet das Kreuz Christi auf unserem winzigen Planeten die Vermittlung des Heils für alle und alles sein?“ Der Bischof verwies auf das Spannungsverhältnis zwischen dem heutigen komplexen Weltbild und der Schlichtheit der Glaubensaussagen. „Und doch ist die Botschaft, dass der ferne und so nahe Gott sich in diese Welt voll Tränen, Leid und Schmerz begeben hat, der alles verändernde Durchbruch. Wer das glauben kann, sieht die Welt und seine eigene Existenz in einem anderen Licht.“

Zahlreiche Arbeitsfelder für Christen in dieser Zeit

Auch der Glaubende könne nicht „einfach so in den Himmel flüchten“. Vielmehr solle er die Welt mit ihren Krisen dort, wo er könne, in ein Stückchen Himmel verwandeln, betonte Algermissen. Da hätten sich in diesem Jahr Arbeitsfelder zuhauf aufgezeigt: „Wir wurden durch die schweren Fragen des Sterbens in Würde und der assistierten Selbsttötung herausgefordert, waren Zeugen von Kriegen und schreiender Ungerechtigkeit, Hunger und Flüchtlingselend, das uns immer näher gerückt ist.“ Es stelle sich die Frage, ob wir in einem relativ reichen Land spürbar zu teilen bereit seien. Die Antwort auf diese Frage stehe noch aus. Allerdings dürfe sie sich nicht in oberflächlichen Formulierungen wie „Wird alles nicht schlimm!“ oder „Wir schaffen das schon!“ erschöpfen. „Einerseits gibt es in unserem Land eine große Hilfsbereitschaft, andererseits treffen wir auf eine rücksichtslose Ellenbogenmentalität beim Verteilungskampf.“

Zu Recht bekennen Christen, dass die Kirche wesentlich von Gott her kommt – und darum im Grunde heilig sei. „Sie ist als sein Werk Hoffnung für die Welt. Ohne diese göttliche Dimension bräuchten wir sie nicht“, zeigte sich Bischof Algermissen überzeugt. Es sei kein Wunder, wenn viele von der Kirche Enormes erwarteten, selbst wenn sie einen Bogen um sie machten, und dann bitter enttäuscht seien, wenn sie die Erwartung nicht erfülle. „Die Kirche ist eine von Gott gewollte Heilsgemeinschaft, war aber über 2.000 Jahre ihrer Geschichte nie eine heile Gemeinschaft, da zu ihr immer auch Versager, Lügner und Heuchler gehörten, die lange Schatten warfen und werfen.“ Dennoch wirke sie segensreich und heilsam, und das nicht nur auf sozial-caritativem Gebiet.

Der Bischof erinnerte an die Rede, die der Schriftsteller Navid Kermani als Dank für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am 18. Oktober in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat. Darin sah Algermissen „ein berührendes, gar erschütterndes Zeugnis für den Dialog der Kulturen und Religionen, auch eine scharfsinnige Analyse über die kulturprägende Kraft der Religion“. Am Ende der Rede stand Kermanis Bitte, nicht zu applaudieren, sondern aufzustehen und still für einen ihm bekannten katholischen Priester und seine Gemeinde zu beten, die von islamischen Terroristen in Syrien entführt wurden. „Da steht doch tatsächlich ein gläubiger Moslem am Rednerpult und betet still in sich gekehrt. Die versammelte ehrenwerte Gesellschaft war höchst irritiert und erhob sich nur zögerlich von den Plätzen. Fast verschämt und nur nebenbei zeigten die Fernsehnachrichten, die sonst Nebensächliches minutenlang hochinszenieren können, diese berührende Handlung.“ Für den Bischof war dies ein entlarvendes Bild: „Wie weit haben wir die Religion bereits aus der Öffentlichkeit vertrieben? Haben die Menschen in dieser Gesellschaft die Sensibilität dafür verloren, dass Gebete die expressivste Möglichkeit sind, die menschliche Existenz in Worte zu fassen, wenn in einer sonst geschwätzigen Welt alle Worte versagen?“ Wo selbst Christen es nicht mehr wagten, öffentlich und offensiv ihre Solidarität mit den bedrängten Glaubensgeschwistern im Orient zu bekunden, habe Kermani als Andersgläubiger genau das gewagt. / bpf, sps

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