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Fastnacht im Schnee – von Herbstein nach Tirol

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Herbstein/Tirol - Fünf Jahre ist es her, dass der Vorsitzende der Fastnachtsvereinigung Herbstein (FVH) Manuel Hensler eine E-Mail aus Tirol erhielt. Genauer: Aus Mils bei Hall aus dem Innsbrucker Land. Christian Pittl, der „Larvenschnitzer“ der Milser Matschgerer, hatte im Fernsehen den Herbsteiner Bajazz und seinen Springerzug gesehen. Es folgte eine Einladung.

Im Jahr 2017 lud Pittl die Herbsteiner zum Milser Matschgererumzug ein. Drei Jahre im Voraus. Denn der Umzug fand am vergangenen Sonntag statt. Grund: Die Dörfer Rum, Thaur, Absam und Mils wechseln sich mit der Ausrichtung ab.

Erstmals eine auswärtige Gruppe

Bei den „Matschgererumzügen“ laufen nur die Brauchtumsgruppen der vier genannten Dörfer. Es ist das erste Mal, dass eine auswärtige Brauchtumsgruppe bei diesem Umzug eingeladen wurde. Vor allem ist die Fastnachtvereinigung Herbstein die erste deutsche Brauchtumsgruppe, die an diesem Matschgererumzug teilnehmen darf. Eine große Ehre für die Herbstein also.

Im Vorfeld wurde vom Herbsteiner Brauchtum in der Tiroler Tageszeitung und im Tiroler Bezirksblatt berichtet. Um den Aufenthalt für die Herbsteiner Aktiven kostengünstig zu gestalten, fördert das Land Tirol finanziell die Unterkunft in Mils. „Die Begeisterung auf beiden Seiten ist umwerfend und wir fühlen uns willkommen“, erklärt der Hensler.

81 Herbsteiner Fastnachter dabei

81 aktive Herbsteiner Fastnachter reisten am frühen Samstagmorgen nach Österreich. Insgesamt waren mehr als 100 Vogelsberger in Mils. Die Begeisterung hat einen Grund: Die Herbsteiner Fastnacht ist durch Tiroler Einflüsse geprägt. Neben den uralten Figuren wie den „Erbsenstrohbär“, die „Affen“, dem „Fruchtbarkeitsstorch“ oder den „Kehrer“ gibt es „Bajazz“ und „Tiroler Pärchen“.

Nachweislich überwinterten in den Jahren von 1650 bis 1690 Tiroler Steinmetze in Herbstein. Einige wurden in Herbstein sesshaft, denn die Tiroler Wanderarbeiter konnten nur in einem katholischen Ort bleiben. Und Herbstein ist eine katholische Enklave im protestantisch geprägten Vogelsberg. Am Fastnachtstag schlossen sich die Tiroler dem damals sicherlich noch unorganisierten närrischen Treiben an.

Alte Bräuche gingen verloren

Im Jahr 1850 verbreitete sich aus Köln über Mainz die „Fastnachtsreformation“. Die Fastnacht des kleinen Mannes wurde von der Obrigkeit übernommen und straff organisiert. Der rheinische Karneval verbreitete sich, und viele alte Bräuche gingen verloren. Herbstein konnte sein Brauchtum über die Jahrhunderte bewahren.

Dies ist auch heute noch für die Tiroler Fastnachter sehr interessant. Das Wickeln des „Erbsenstrohbäres“ wurde vom ORF am Sonntagmorgen gefilmt. Denn auch in der Tiroler Fastnacht gibt es „Bären“, die den Winter symbolisieren und von einem „Bärentreiber“ an die Kette gelegt werden.

„Zottler“ und „Tuxer“

Für einen Außenstehenden sind die Unterschiede zwischen „Mullern“ und „Matschgeren“ nur schwer zu erkennen. Für einen Einheimischen sehr wohl. Bei dem „Mullern“ und „Matschgeren“ handelt es sich um verschiedene Figuren, die prachtvolle Kostüme und vor allem Holzlarven tragen. Der „Zottler“ symbolisiert den Winter, wobei der „Tuxer“ für den Sonnenschein steht. Der Spiegel oder Altartuxer, der einen hohen Kopfschmuck trägt, vertreibt böse Wintergeister, der Tschaggeler sehnt den Frühling herbei.

Bis zu zehn verschiedene Figuren werden in den Dörfern dargestellt. Nur an kleinen Details an den jeweiligen Kostümen oder Larven ist die dörfliche Herkunft zu erkennen.

Alle Figuren haben einen speziellen Tanzschritt beziehungsweise einen eigenen Bewegungsablauf. Das „Abmullern“ gehört zu jedem Auftritt. Der „Zottler“ haut jungen Männern mehrmals auf die Schulter, was Fruchtbarkeit bringen soll. Im Anschluss bekommt er noch einen Schnaps zu trinken. Die Figur des „Bujazz“ ist vor langer Zeit „eingeschlafen“. Vor ein paar Jahren wurde sie allerdings wieder zum Leben erweckt und ist nun fester Bestandteil beim „Matschgern“. / tim

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