Zwei Fuldaer berichten

Erinnerungen an 9/11: 20 Jahre nach den Anschlägen ist das Beben noch spürbar

Noch 20 Jahre später beeinflussen die Terroranschläge vom 11. September den Alltag – auch in Deutschland. Damals kam es zu einer Grunderschütterung, die bis heute nachwirkt.

New York/Fulda - Viele Menschen wissen, wo sie am 11. September 2001 gewesen sind. Die Anschläge haben das Leben bis weit in den Alltag hinein verändert – bis heute. Beispiel Urlaub: Stunden vor der Abflugzeit muss man am Flughafen sein, alle Wasserflaschen auskippen, gegebenenfalls Gürtel und Schuhe ablegen. Vor 9/11 wäre das unvorstellbar gewesen.

9/11: 20 Jahre nach den Terroranschlägen ist das Beben noch spürbar

Doch die Wirkung geht noch viel tiefer. Die Anschläge führten zu einer „Grunderschütterung, die bis heute anhält und sowas wie eine kollektive Traumatisierung bewirkt hat“, analysiert der Berliner Stressforscher Mazda Adli. Um nachhaltig traumatisiert zu werden, muss man ein Ereignis nicht unbedingt persönlich miterlebt haben – eine mediale Vermittlung kann ausreichen. Allerdings muss das Ereignis dafür Menschen betreffen, mit denen man sich identifiziert. (Lesen Sie auch: Ein Jahr nach Anschlag in Hanau: Angehörige der Opfer berichten über Tat)

Am 11. September 2001 war die Insel Manhattan in eine Rauch- und Staubwolke gehüllt. Bei einer Serie von Selbstmordattentaten mit Passagierflugzeugen waren in New York, Washington und Pittsburgh viele Menschen getötet worden.

Die Zwillingstürme des World Trade Center waren ein Ort, mit dem sich viele Deutsche verbunden fühlten. Ein Besuch auf der 415 Meter hohen Aussichtsplattform des Südturms gehörte fast obligatorisch mit zu einem New-York-Trip. Aber auch wer noch nie in Manhattan gewesen war, glaubte den Ort zu kennen, weil er in Filmen ständig präsent war. Diese gefühlte Nähe führte dazu, dass man bei der Zerstörung der Türme auch in Tausenden Kilometern Entfernung unwillkürlich dachte: „Das kann mir auch passieren.“

Termin in Fulda

Buchautor und Islamwissenschaftler Stefan Weidner ist am Montag, 13. September, um 19 Uhr Gast bei einem Akademieabend im Bonifatiushaus. Die Anmeldung ist notwendig - entweder unter der Telefonnummer (0661) 8398120 oder per Mail an info@bonifatiushaus.de. Der Eintritt ist frei.

Im Rückblick von 20 Jahren wird deutlich, dass die Anschläge kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte sind, sondern bis heute nachwirken, und dies eben nicht nur auf einer politischen Ebene, sondern auch im kollektiven Bewusstsein der Menschen. Das Gefühl, das damals abgespeichert wurde, lässt sich auf die Formel bringen: „Wenn etwas so Unwahrscheinliches möglich ist, dann muss man künftig mit allem rechnen.“

20 Jahre nach den Terroranschlägen: So haben zwei Fuldaer 9/11 erlebt

Die meisten Menschen, die am 11. September 2001 bereits ein paar Jahre auf dem Buckel hatten, werden sich wohl daran erinnern, was sie an dem Tag gemacht haben. Zwei Männer aus Fulda erzählen ihre Geschichte:

Fritz Kramer, ehemaliger Landrat des Landkreises Fulda.

Fritz Kramer, damaliger Landrat des Landkreises Fulda (CDU): „Als ich Bilder des ersten in einen der Türme gekrachten Flugzeuge gesehen habe, hatte ich mich noch gewundert, dass im Ersten zu dieser Uhrzeit Science Fiction gezeigt wird. Erst beim zweiten Flugzeug wurde mir klar, dass dies bittere Realität ist. Ich befand mich da in der Vorbereitung für eine Kreisausschusssitzung, und ich hatte das Gefühl, dass mir manche Ausschussmitglieder gar nicht glauben wollten, was ich da zu berichten hatte. Mit dem zweiten Flugzeug war klar, dass es sich um einen Terrorangriff handeln musste – und damit drängte sich unweigerlich die Frage auf, ob dies nun einen Vergeltungsschlag unter Beteiligung der Nato-Kräfte nach sich ziehen würde. Ich habe Verständnis dafür, dass Amerika sich eine solche Demütigung nicht gefallen lassen konnte. Die Erwartung, dass die Reaktion wohlüberlegt und zielführend ausfallen würde, hat sich aber leider nicht erfüllt. Im Gegenteil: Der Nahe Osten wurde zusätzlich destabilisiert.

Winfried Jäger, Vorsitzender des „Blackhorse Museum“ der amerikanischen Truppen in der Region Fulda.

Winfried Jäger, Vorsitzender des „Blackhorse Museum“ der amerikanischen Truppen in der Region Fulda: „Ich war im Auto unterwegs, als ich davon erfuhr. Zunächst war ich geschockt wie wahrscheinlich alle. Ich bin nachhause gefahren und habe den Fernseher angemacht. Dann sah ich die Live-Berichte über die brennenden Türme. Dieses klassische 9/11-Bild hat sich mir aber seltsamerweise nicht so eingeprägt, wie die tragischen Bilder der Menschen, die bald darauf vor den Staubwolken der einstürzenden Türme flohen – oder noch eindrücklicher, die Bilder der Menschen, die sich aus den Fenstern stürzten. Ich habe mit vielen meiner amerikanischen Freunde über die Ereignisse von damals gesprochen. Und auch heute, zwanzig Jahre danach, wirkt dieses nationale Trauma nach. Wegen der Pandemie können wir im Museum leider nicht am genauen Jahrestag an 9/11 erinnern; das holen wir aber am 6. Oktober nach.“ (Von Daniel Krenzer und Tobias Kannapin)

Rubriklistenbild: © Hubert Michhael Bösl/dpa

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